Zwölf Stunden im Packeis auf 80° 49' Nord, jedes Fernglas auf die Eisfläche gerichtet — und kein einziger Eisbär. Am selben Tag noch nicht. Vier Bären sah diese Reise zwei Tage später, drei weitere am Tag darauf, alle an Land. Das Bordlogbuch der MS Ortelius vom 30. Juli bis 8. August 2025 beantwortet die meistgestellte Frage vor einer Spitzbergen-Reise ehrlicher als jeder Katalog: Wie stehen die Chancen wirklich?
Was ist Packeis — und wie kommt ein Schiff hinein?
Packeis ist gefrorenes Meerwasser, das in Schollen treibt. Es ist etwas anderes als ein Eisberg, der von einem Gletscher stammt, und etwas anderes als Fjordeis, das im Winter in den Buchten festfriert. Im Sommer liegt die Südgrenze des arktischen Packeises nördlich von Spitzbergen und wandert von Woche zu Woche.
Am 2. August 2025 schob sich die Ortelius um 08:15 Uhr in den Rand des Packeises. Um 21:00 Uhr stand sie auf 80° 49' Nord / 016° 06' Ost — rund 1.020 Kilometer vom Nordpol entfernt. Um 20:00 Uhr verließ sie das Eis wieder. Rund zwölf Stunden also, und das ist eine typische Größenordnung: Man fährt nicht tagelang durch das Eis, man arbeitet die Kante ab.
Wie stehen die Chancen, auf dem Packeis einen Eisbären zu sehen?
Geringer, als die Bilder vermuten lassen. Auf dieser Reise war der 2. August der Tag, der ausdrücklich dem Packeis gewidmet war. Das Tagesprogramm formulierte es so: „Wir hoffen, Vögel, Robben, Wale und natürlich Eisbären zu finden. Je mehr Augen suchen, desto besser die Chance."
Das Logbuch beschreibt, was daraus wurde: „Mit der besseren Sicht kam ein gemeinsames Ziel: Jedes Fernglas richtete sich auf das Eis in der Hoffnung, einen Eisbären zu entdecken. Die Suche war intensiv und ununterbrochen."
Gefunden wurde an diesem Tag keiner. Das ist keine schlechte Reise — es ist der Normalfall. Ein Eisbär braucht ein Revier von der Größe eines Bundeslandes, und auf dem sommerlichen Packeis, wo das Eis dünn und die Beute verstreut ist, hält sich nur ein Bruchteil des Bestands auf.
Wer eine Zahl möchte: Diese neuntägige Reise verzeichnete Eisbären an zwei von neun Tagen — dann allerdings gleich mehrere.
Wo wurden die Eisbären dann gesehen?
An Land. Kurz vor Mitternacht des 3. August passierte das Schiff die Bastion-Inseln am Südende der Hinlopenstraße. Der Expeditionsleiter zögerte nicht und rief die Sichtung über die Lautsprecheranlage aus — ein schlafender Bär auf der Insel Langeøya. Der Kapitän ging näher heran, das Schiff umrundete die Inseln, und drei weitere Bären kamen in Sicht. Man entschied, dort zu ankern.
Am Morgen ging es mit den Zodiacs zurück. Das Ergebnis beschreibt das Logbuch nüchtern: Der erste Bär „zeigte überhaupt kein Interesse daran, seine Liegeposition zu verlassen". Ein zweiter ruhte am oberen Rand eines Schneefelds, zwei weitere lagen dicht beieinander auf einem Schneefleck. Alle blieben liegen.
Die Erklärung steht direkt daneben und ist die ehrlichste Passage des ganzen Logbuchs: „Diese Bären waren eindeutig im Energiesparmodus, bei einem warmen Tag und wenig Nahrung in der Umgebung."
Wer also eine Vorstellung von jagenden, laufenden, schwimmenden Bären mitbringt, sollte wissen: Im Sommer ruhen Eisbären den größten Teil des Tages. Ein liegender weißer Fleck am Hang ist die häufigste Form der Begegnung.
Was passiert, wenn ein Eisbär auftaucht?
Das Programm ändert sich — sofort. Am 5. August wollte das Team bei Sundneset anlanden. Beim Auskundschaften wurde ein Eisbär gesichtet, der auf der anderen Seite der Landzunge schwamm. Die Anlandung wurde abgesagt und durch eine Zodiacfahrt entlang der Küste ersetzt.
Das erwies sich als Glücksfall. Der Bär ging an Land, tauchte zunächst im Landesinneren auf und kam dann zur Küste zurück, wo er einen Walrosskadaver umkreiste und beschnupperte. In der Nähe suchte ein Polarfuchs nach Resten — mit einem wachsamen Auge auf den viel größeren Räuber.
Am Nachmittag dasselbe noch einmal: Die geplante Anlandung in der Diskobukta fiel aus, weil zwei Eisbären oberhalb des Landeplatzes ruhten. Wieder Zodiacfahrt statt Landgang — und während der Fahrt tauchte ein dritter Bär auf.
Daraus folgt eine Regel, die man vor der Buchung verstanden haben sollte: Auf Spitzbergen hat der Bär Vorrang. Anlandungen werden abgesagt, nicht verschoben. Wer auf ein festes Programm hofft, ist auf einer Expeditionsreise falsch — und paradoxerweise sind es genau diese Absagen, die die besten Beobachtungen bringen.
Welche Tiere sieht man auf dem Packeis?
Der Packeistag brachte keinen Bären, aber eine Menge anderer Tiere. Aus dem Logbuch dieses einen Tages:
| Art | Wo und wie |
|---|---|
| Klappmütze | an der Eiskante, schwimmend in offenen Rinnen und auf dem Eis liegend |
| Bartrobbe | einzeln auf Schollen ruhend |
| Eissturmvogel | durchgehend ums Schiff |
| Dreizehenmöwe | durchgehend ums Schiff |
| Krabbentaucher | gelegentliche Vorbeiflüge |
| Dickschnabellumme | gelegentliche Vorbeiflüge |
Die Klappmütze ist dabei die eigentliche Besonderheit. Sie ist an das Packeis gebunden, kommt an der Küste kaum vor und wird von Spitzbergen-Reisen entsprechend selten gemeldet. Wer sie sehen will, muss ins Eis.
Dasselbe gilt für die Elfenbeinmöwe, die zu den seltensten Möwen der Welt zählt und ihr Leben fast vollständig in Eisnähe verbringt. Sie folgt Eisbären und ernährt sich unter anderem von deren Rissen — eine Möwe als Zeigerart für Bären.
Und Wale?
Die Eiskante ist eine produktive Zone: Wo Eis auf offenes Wasser trifft, sammelt sich Plankton, und daran hängt der Rest. Diese Reise verzeichnete unter anderem Zwergwale auf der Fahrt nach Torellneset sowie weitere Walsichtungen entlang der Route.
Wie wird eigentlich gesucht?
Von Hand, mit vielen Augen. Das Tagesprogramm bittet die Gäste ausdrücklich, so viel Zeit wie möglich an Deck und auf der Brücke zu verbringen — und es enthält eine Zeile, die viel über den Betrieb verrät:
„Bitte seien Sie auf den Außendecks leise: Geräusche können Tiere vertreiben."
Es gibt kein Radar für Eisbären. Es gibt ein Schiff, das langsam fährt, ein Dutzend Guides mit Ferngläsern, dreißig oder vierzig Gäste an der Reling — und die Ansage über die Lautsprecher, wenn jemand etwas entdeckt. Auf dieser Reise kam sie kurz vor Mitternacht.
Praktisch heißt das: Ein gutes Fernglas ist wichtiger als ein langes Objektiv. 8×42 oder 10×42 entscheiden darüber, ob Sie den Bären als Tier oder als weißen Punkt erleben.
Wie kalt ist es im Packeis?
Weniger kalt, als die meisten annehmen. Am Packeistag maß das Logbuch um 21:00 Uhr +5 °C — bei Wind aus Westsüdwest mit Stärke 7 und rauer See. Die übrigen Tage lagen zwischen +5,4 und +6,2 °C.
Entscheidend ist nicht die Zahl, sondern die Tätigkeit: Auf dem Vordeck steht man stundenlang still und erzeugt keine eigene Wärme. Bei Windstärke 7 fühlen sich fünf Grad an wie deutlich weniger. Das Logbuch erwähnt nicht umsonst die heiße Schokolade mit Rum, die nachmittags an Deck gereicht wurde.
Wann ist die beste Zeit für eine Packeisreise?
Für Nord-Spitzbergen liegt das Fenster zwischen Ende Juni und Anfang August. Dann ist die Eiskante noch nah genug, um sie in einer Woche zu erreichen, und die Sonne geht nördlich von 78° gar nicht unter.
- Juni: mehr Eis, festere Kante, oft noch Fjordeis in den Buchten — die besten Bedingungen für Bären auf dem Eis.
- Juli/August: das Eis zieht sich nach Norden zurück, dafür sind Umrundungen der Inselgruppe möglich, wie auf dieser Reise. Bären trifft man dann eher an Land.
- September: Eis kaum erreichbar, dafür Herbstfarben und erste Dunkelheit.
Genau diesen Unterschied zeigt das Logbuch dieser Reise: Ende Juli/Anfang August fand sich auf dem Eis kein Bär — an den Küsten dafür sieben.
Was gibt es außer Bären zu sehen?
Diese neun Tage brachten unter anderem:
- Alkefjellet, eine Vogelklippe mit über 60.000 Brutpaaren Dickschnabellummen — über zwei Stunden Zodiacfahrt am Fuß der Wand, mit Wasserfällen und Regenbögen in der Gischt.
- Torellneset mit einer großen Gruppe männlicher Walrosse, dazu ein Spaziergang durch eine Polarwüste, in der nur Flechten auf den Kieseln wachsen.
- Bråsvelbreen: eine Eisfront, die sich über 160 Kilometer ununterbrochen hinzieht — die größte ihrer Art auf der Nordhalbkugel. Im Sommer stürzen Schmelzwasserfälle davon ins Meer.
- Die Diskobukta mit über 100.000 brütenden Dreizehenmöwen in einer Schlucht.
- Polarfüchse, Spitzbergen-Rentiere und, am Zodiac, eine neugierige junge Bartrobbe.
Was Sie mitbringen sollten
- Ein Fernglas, 8×42 oder 10×42. Das wichtigste Ausrüstungsstück der Reise.
- Kleidung zum Stehen, nicht zum Gehen: winddichte Außenschicht, Mütze, Handschuhe — auch bei fünf Grad plus.
- Zeit an Deck. Sämtliche Sichtungen dieser Reise entstanden, weil Menschen draußen standen und schauten.
- Gelassenheit gegenüber dem Programm. Zwei Anlandungen dieser Reise wurden wegen Bären abgesagt — beide Male wurde daraus der beste Teil des Tages.
Weiterlesen
- Spitzbergen Anfang Mai — wenn die Fjorde noch zugefroren sind
- Spitzbergen-Umrundung im August — die späte Saison im Vergleich
- Wale an der Eiskante — warum ausgerechnet dort so viele stehen
- MS Ortelius · Alle Spitzbergen-Reisen
Ob eine Reise ins Packeis oder eine Umrundung besser zu Ihnen passt, hängt davon ab, was Sie sehen wollen — sprechen Sie uns an.
Grundlage dieses Beitrags ist das Bordlogbuch der M/V Ortelius zur Reise „Around Spitsbergen – In the realm of Polar Bear & Ice" vom 30. Juli bis 8. August 2025 (Oceanwide Expeditions). Kapitän: Remmert-Jan Koster. Expeditionsleiter: Adam Burke. Alle Positionen, Temperaturen und Sichtungen stammen aus diesem Logbuch. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebenen Tiere und Situationen, nicht zwingend diese Reise.