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◆ Reiseberichte

Blauwal, Finnwal, Grönlandwal: warum die Eiskante vor Spitzbergen ein Walrevier ist

Ein Finnwal atmete achtmal, 15 Meter neben dem Schiff. Warum die Eiskante vor Spitzbergen ein Walrevier ist — und warum der Grönlandwal fast niemand zu sehen bekommt.

Lesezeit 8 Minuten
Thema Reiseberichte

Ein Finnwal schwamm 15 Meter neben dem Schiff und atmete achtmal ein und aus. Am Abend zuvor waren Blauwale aufgetaucht — die größten Tiere der Erde. Das Bordlogbuch der MS Plancius vom 21. bis 28. Juni 2026 verzeichnet sechs Wal- und Delfinarten in acht Tagen. Der Grund dafür steht ebenfalls darin, und er hat nichts mit Glück zu tun.

Welche Wale sieht man vor Spitzbergen?

Diese Reise brachte folgende Sichtungen:

ArtWannWie
Zwergwal22.6. und 25.6.in der Gletscherbucht, später auf offener See
Beluga23.6.rund zwanzig Tiere in Ufernähe bei Mushamna
Finnwal25.6. und 26.6.einer auf 15 m Distanz neben dem Schiff
Grönlandwal25.6.nur ein flüchtiger Blick, für wenige Gäste
Blauwal25.6. und 26.6.mehrere Tiere, teils am Abend
Weißschnauzendelfin26.6.eine Gruppe während des Recaps

Sechs Arten in einer Woche sind viel. Sie sind aber kein Versprechen: Der Grönlandwal blieb „nur ein flüchtiger Blick, und nur eine Handvoll Passagiere konnte ihn tatsächlich sehen". Genau so steht es im Logbuch, und genau so gehört es auch in einen ehrlichen Reisebericht.

Warum stehen ausgerechnet an der Eiskante so viele Wale?

Weil dort das Futter an die Oberfläche kommt. Die Guides erklärten es an Bord so: An der Kante des Kontinentalsockels trifft die Strömung auf den steil abfallenden Meeresboden und wird in die Vertikale umgelenkt. Dadurch werden „Nährstoffe aus der Tiefe in die lichtdurchflutete Wasseroberfläche transportiert, was zu erhöhter Produktivität führt".

Diese Kette ist kurz und robust: Nährstoffe nach oben, Phytoplankton wächst, Zooplankton frisst es, Krill und Kleinfische fressen das Zooplankton — und Bartenwale filtern das Ergebnis. Deshalb war die Fahrt entlang des Kontinentalsockels an diesem Tag kein Zufall, sondern eine Entscheidung: „So nahmen wir Fahrt auf, um entlang dem Kontinentalsockel Richtung Süden zu fahren. … Darum hoffen wir hier auf jagende Wale zu stoßen."

Wer verstehen will, wo auf einer Arktisreise Wale zu erwarten sind, sollte deshalb nicht auf Ortsnamen schauen, sondern auf Tiefenlinien und Eiskanten.

Spiegelglatter Fjord mit Bergpanorama und Gletscher auf Spitzbergen
Seidenglatte See — die Bedingung, unter der man einen Blas kilometerweit sieht.Foto: Nikki Born / Oceanwide Expeditions

Wie nah kommt man an einen Wal heran?

Das entscheidet der Wal. Am 26. Juni ergab sich die Begegnung, von der eine ganze Reise zehrt:

„Einer dieser riesigen Giganten schwamm sehr langsam nur 15 m neben dem Schiff und atmete acht Mal ein und aus! So konnten wir ihn sehr gut anschauen und sein hell gefärbtes Kinn der rechten Seite erkennen. Ein gutes Identifikationsmerkmal dieser zweitgrößten Walart."

Dieses asymmetrisch gefärbte Kinn ist tatsächlich das Erkennungsmerkmal des Finnwals: rechts hell, links dunkel — eine Asymmetrie, die kein anderer Großwal in dieser Form zeigt. Sie hilft, ihn vom ähnlich großen Blauwal zu unterscheiden, der gleichmäßig grau-blau gefleckt ist.

Wichtig für die Erwartung: Ein Schiff darf sich einem Wal nicht aufdrängen. Es drosselt die Fahrt und wartet. Ob daraus 15 Meter oder 800 Meter werden, ist nicht planbar.

Blauwal in der Arktis — wie besonders ist das?

Sehr. Der Blauwal ist das größte Tier, das je auf der Erde gelebt hat, und nach der industriellen Waljagd des 20. Jahrhunderts ist er bis heute selten geblieben. Dass diese Reise an zwei Abenden Blauwale verzeichnete — am 25. Juni „überraschenderweise", am 26. Juni nach dem Abendessen — ist außergewöhnlich.

Das Logbuch zieht daraus eine nüchterne Bilanz: „Unsere Entscheidung hierher zu kommen hat sich sehr gelohnt."

Warum ist der Grönlandwal so schwer zu sehen?

Weil es ihn hier kaum noch gibt. Der Grönlandwal — der Wal, der der gesamten europäischen Waljagd auf Spitzbergen zugrunde lag — wurde im 17. und 18. Jahrhundert im Nordatlantik nahezu ausgerottet. Der Spitzbergen-Bestand hat sich bis heute nicht erholt und gilt als einer der am stärksten gefährdeten Großwalbestände überhaupt.

Er ist zudem unauffällig: kein hoher Rückenflossen-Umriss, ein Blas, den man leicht übersieht, und ein Tier, das viel Zeit in Eisnähe verbringt. Dass ihn an diesem Abend nur wenige sahen, ist die Regel und nicht die Ausnahme.

Belugas — die weißen Wale der Küste

Am 23. Juni bei Mushamna passierte etwas anderes. Eine der langsam gehenden Wandergruppen entdeckte am Ufer „gegen zwanzig Belugas, die in kleineren Gruppen in Ufernähe vorbeischwammen" — und ihnen folgte, zur Überraschung aller, ein einzelnes Walross.

Belugas sind Küstentiere. Sie stehen im flachen, oft trüben Wasser vor Flussmündungen und Gletscherbächen, wo sie Fische jagen. Man sieht sie deshalb selten von der Hochsee aus, sondern meist genau dort, wo diese Gruppe stand: vom Ufer.

Was Sie an Bord dafür brauchen

  • Ein Fernglas. 8×42 oder 10×42. Ein Blas ist bei ruhiger See kilometerweit zu sehen — aber nur, wenn man ihn vergrößern kann.
  • Zeit an Deck. Sämtliche Sichtungen dieser Reise kamen zustande, weil Menschen draußen standen und schauten. Wer in der Kabine wartet, verpasst sie.
  • Warme Kleidung fürs Stehen. Auf einem fahrenden Schiff bei 6 °C und Fahrtwind kühlt man schnell aus — anders als beim Wandern erzeugt man keine eigene Wärme.
  • Geduld. Der Tag im Eis bestand zum größten Teil aus Suchen. Das ist kein Mangel, das ist die Tätigkeit.
Zwei Eissturmvögel auf türkisfarbenem Wasser vor einem Eisberg bei Spitzbergen
Seevögel sind der beste Hinweis auf Nahrung im Wasser — und damit auf Wale.Foto: Markus Eichenberger / Oceanwide Expeditions

Die Vorgeschichte: Spitzbergen war ein Walfanggebiet

Die Route dieser Reise führte an zwei Orten vorbei, die daran erinnern. Der Smeerenburgfjord trägt den Namen der niederländischen Walfängerstadt des 17. Jahrhunderts auf der benachbarten Amsterdamøya — „Speckstadt". Und im Sorgfjord liegt der Friedhof von Eolusneset mit 30 Gräbern aus der Zeit des westeuropäischen Walfangs.

Das Logbuch hält dazu einen Satz fest, den man nicht vergisst: „Auf den Tod vorbereitet, beluden sie ihre Schiffe auf ihren Reisen nach Norden mit Material für Särge." Das Eolus-Kreuz auf der Anhöhe stammt von Kapitän C. Holmgren, dessen Schoner „Eolus" aus Bergen 1855 im Sorgfjord im Eis festsaß.

Wer heute an der Eiskante steht und auf einen Blas wartet, blickt also auf einen Bestand, der erst seit wenigen Jahrzehnten wieder wachsen darf. Auch das gehört zur Antwort auf die Frage, warum Blauwal-Sichtungen so bemerkenswert sind.

Wann ist die beste Zeit für Wale vor Spitzbergen?

Ende Juni bis August. Im Juni sind Eiskante und Kontinentalsockel gut erreichbar und die Produktivität des Wassers steigt gerade steil an; im Juli und August ist das Wasser eisfreier und die Wale verteilen sich weiter. Für Belugas zählt weniger der Monat als der Ort: flaches Küstenwasser vor Gletscherbächen.

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Wenn Sie gezielt wegen der Wale fahren möchten, hilft die richtige Route mehr als der richtige Monat — sprechen Sie uns an.

Grundlage dieses Beitrags ist das Bordlogbuch der MS Plancius zur Reise „Nord-Spitzbergen-Entdecker – Ins Packeis" vom 21. bis 28. Juni 2026 (Oceanwide Expeditions). Kapitän: Matei Mocanu. Expeditionsleiter: Jan Belgers. Alle Sichtungen und Zitate stammen aus diesem Logbuch. Fotos: Markus Eichenberger und Nikki Born / Oceanwide Expeditions.


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