Zwei Reisen, dasselbe Schiff, derselbe Fahrtleiter, dieselben sechzehn Augusttage — ein Jahr auseinander. 2024 gelang die Umrundung Spitzbergens, 2025 nicht. Beide Bordlogbücher liegen uns vor. Sie zeigen ziemlich genau, wovon das abhängt — und was man bekommt, wenn es nicht klappt.
Was heißt „Spitzbergen-Umrundung" überhaupt?
Einmal um die Hauptinsel Spitzbergen herum: von Longyearbyen die Westküste hinauf, um den Norden herum, durch die Hinlopenstraße zwischen Spitzbergen und dem Nordaustland nach Süden, entlang der Ostküste durch den Storfjord, um die Südspitze und die Westküste wieder hinauf.
Der entscheidende Abschnitt ist der Osten. Er liegt im Einflussbereich des arktischen Packeises, ist deutlich rauer als die Westküste und hat mit dem Heleysund eine Meerenge mit Gezeitenströmungen, die nur bei guten Bedingungen passierbar ist. Wer dort nicht durchkommt, muss umkehren.
Die beiden Reisen im Vergleich
Die SV Meander, ein Schoner von 1946 mit eisverstärktem Rumpf, fuhr in beiden Jahren mit Fahrtleiter Alexander Lembke und Kapitän Joost van Berkel. Die Reisedaten waren fast deckungsgleich: 2. bis 18. August 2024, 2. bis 17. August 2025.
| August 2024 | August 2025 | |
|---|---|---|
| Umrundung | gelungen | abgebrochen bei 80° Nord |
| Fahrtstrecke | 960 sm (1.778 km) | 573 sm (1.061 km) |
| Landestellen | 31 | 25 |
| Eisbären | drei Begegnungen | keine |
| Grund | Bedingungen passten | Windprognose für die Folgetage |
387 Seemeilen Unterschied bei gleicher Reisedauer — das ist der Preis des Ostens. Und der Grund für den Abbruch war 2025 nicht das Eis, sondern der Wind.
Wie oft klappt eine Spitzbergen-Umrundung?
Belastbare Quoten über alle Anbieter hinweg gibt es nicht. Was wir belegen können, sind unsere eigenen zwei Reisen mit demselben Schiff im selben Zeitfenster: eine von zwei. Seriös ist deshalb nur diese Auskunft — die Umrundung ist das Ziel der Reise, nicht ihre Zusage. Wer sie unbedingt fahren will, sollte wissen, dass die Entscheidung unterwegs fällt.
2025: die Umkehr bei 80° Nord
Am Freitag, 8. August 2025, um 18 Uhr stand die Meander auf 80°04' Nord — dem nördlichsten Punkt der Reise. Bewölkt, windstill, 9 °C. Der Tag selbst war perfekt gewesen: morgens die Ritterhütte in Gråhuken bei blauem Himmel, tags zuvor der Monacobreen im Liefdefjord.
Genau hier entschieden Kapitän Joost und Alexander Lembke gegen die Weiterfahrt zum Nordaustland und in die Hinlopenstraße. Nicht wegen des Wetters an diesem Tag, sondern wegen der Windverhältnisse, die für die kommenden Tage vorhergesagt waren.
Das ist der Unterschied zwischen einem Segelschiff und einem großen Motorschiff: Ein Schoner muss die nächsten drei Tage mitdenken, bevor er sich in ein Seegebiet begibt, aus dem er bei Starkwind nicht schnell wieder herauskommt. Die Meander drehte nach Westen ab.
Was bekommt man, wenn die Umrundung nicht klappt?
Eine sehr gründliche Westküste. Weil die Zeit nicht mehr für Strecke draufging, blieb sie für Orte: Walrosse bei Smeerenburg, der Monacobreen im Liefdefjord, die Ritterhütte in Gråhuken, der Magdalenefjord, Krossfjord mit dem Lilliehöökbreen, Ny-Ålesund, Ny-London, das Alkhornet, Colesbukta. 25 Landestellen in 16 Tagen.
Dazu Finnwale und Zwergwale, eine Bartrobbe am Ufer, Polarfüchse, blühende Tundrapolster — und eine große Kalbung aus nächster Nähe.
Was fehlte, war der Osten: kein Alkefjellet, kein Bråsvellbreen, kein Storfjord, kein Eisbär. Wer den Osten sehen will, muss das Risiko in Kauf nehmen, ihn nicht zu sehen.
2024: was der Osten hergibt
Ein Jahr zuvor ging es. Am 9. August 2024 stand die Meander im Murchisonfjord am Nordaustland — einer Polarwüste, ganz anders als die Westküste Spitzbergens. Vom Gipfel des Fargefjellet auf 190 Metern sah die Gruppe die Eiskappe des Nordaustlands und einen Stein mit Rippelmarken aus einer Zeit, als das hier Meeresboden war: vor über 600 Millionen Jahren.
Am selben Abend das Alkefjellet — der große Vogelfelsen an der Hinlopenstraße, senkrechte schwarze Basaltzinnen mit geschätzt 60.000 bis 90.000 Brutpaaren, überwiegend Dickschnabellummen. Die Zodiacs fuhren im Abendlicht an der Wand entlang und umrundeten sogar eine freistehende Basaltsäule. Am Ufer ein Polarfuchs.
Auch eine geglückte Umrundung läuft nicht nach Plan
Der 10. August 2024 zeigt, wie es wirklich zugeht. Nachts zog dichter Nebel auf. Am Bråsvellbreen, der längsten Gletscherfront der Nordhalbkugel, kam die Meander um neun Uhr an — und sah nichts. Die entgegentreibenden Eisberge waren nur auf dem Radar zu erkennen. Nach zwei Stunden Warten entschieden Joost und Alex weiterzufahren.
Am Nachmittag der Heleysund. Die Meander lief gegen die Strömung an und kam mit weniger als einem Knoten praktisch nicht vom Fleck. Das Schiff drehte um 180 Grad, ankerte zwei Stunden in einer Bucht — und schaffte im zweiten Anlauf die Durchfahrt. Dahinter lag der Storfjord in der Sonne, mit Eisbergen aus Richtung Negribreen.
Die Umrundung gelang also, aber die längste Gletscherfront der Nordhalbkugel bekam diese Gruppe nicht zu sehen. Beides gehört zusammen.
Der Osten und die Eisbären
Der auffälligste Unterschied zwischen beiden Reisen steht in den Beobachtungslisten: 2024 drei Eisbären-Begegnungen, 2025 keine.
2024 waren es ein Bär bei Gothavika auf der Edgeøya, eine Eisbärin mit zwei Jungen bei Forsbladodden im Van Mijenfjord und ein weiterer Bär in der Borebukta im Isfjord — zwei davon also erst auf dem Rückweg im Westen.
Das lässt sich leicht überinterpretieren. Drei Sichtungen auf einer Reise und null auf einer anderen sind keine Statistik, sondern zwei Stichproben. Aber es zeigt, dass die Ostküste und der Weg um die Insel schlicht mehr Gelegenheiten bietet — mehr Küstenkilometer, mehr Eiskanten, mehr Zeit an Land.
Wie zuverlässig sieht man auf einer Umrundung Eisbären?
Gar nicht zuverlässig. Auch 2024 begann die Reise mit einer Enttäuschung, die typisch ist: Am zweiten Tag fand die Gruppe in der Ymerbukta frische Spuren einer Eisbärenmutter mit vermutlich zwei Jungen, wenige Tage alt — den Bären selbst sah niemand. Später wurde ein Landgang gestrichen, weil am Morgen ein Bär gemeldet worden war; das Schiff wartete in der Bucht, der Bär war weitergezogen.
Warum August?
Weil der Osten nur dann erreichbar ist. Im Mai und Juni liegt in der Hinlopenstraße und im Storfjord noch Meereis; die Umrundung ist dann meist ausgeschlossen. Erst im Spätsommer zieht sich das Eis so weit zurück, dass der Weg um die Insel überhaupt offensteht.
Dafür bezahlt man mit anderem: Die Fjorde im Westen sind offen, das Fjordeis, auf dem man im Mai noch stehen kann, ist längst weg. Es ist eine andere Reise — nicht die bessere.
Die Route 2024, so wie sie gefahren wurde
- 2.–4. August — Longyearbyen, Ymerbukta, St. Johnsfjord, Ny-Ålesund. Erste Eisbärenspuren, keine Bären.
- 5.–7. August — Magdalenefjord, Smeerenburg (Walrosse, Polarfuchs), Virgohamna, Fuglefjord, Raudfjord.
- 8. August — Gråhuken mit der Ritterhütte, Verlegenhuken: der Nordpunkt.
- 9. August — Nordaustland, Murchisonfjord, Fargefjellet. Abends das Alkefjellet.
- 10. August — Bråsvellbreen im Nebel, Heleysund im zweiten Anlauf, Storfjord.
- 11.–13. August — Negribreen, Kapp Lee, Diskobukta, Gothavika (Eisbär) auf der Edgeøya.
- 14. August — Hambergbukta, Hornsund mit Gnålodden: die Südspitze.
- 15.–17. August — Van Mijenfjord (Eisbärin mit zwei Jungen), Van Keulenfjord, Bellsund, Borebukta (Eisbär).
- 18. August — Longyearbyen. 960 Seemeilen.
Was das für Ihre Buchung heißt
Drei Dinge, so ehrlich, wie sie in den beiden Logbüchern stehen:
Erstens: Die Umrundung ist ein Plan, kein Versprechen. Sie kann an Wind, Eis oder Nebel scheitern, und die Entscheidung fällt unterwegs — vom Kapitän, nicht vom Reiseveranstalter.
Zweitens: Auch die abgebrochene Reise war eine vollständige Spitzbergen-Reise. 573 Seemeilen, 25 Landestellen, Walrosse, Gletscherkalbung, Wale. Wer nur wegen des Ostens bucht, wird das anders sehen als jemand, der Spitzbergen sehen will.
Drittens: Auf zwölf Gästen entscheidet der Bordplan sich jeden Morgen neu. Das ist der Grund, warum ein solches Schiff überhaupt in den Osten kann — und zugleich der Grund, warum niemand vorher sagen kann, wo es hingeht.
Weiterlesen
- Die Spitzbergen-Umrundung – welche Schiffe sie anbieten und was der Osten verlangt.
- Die beste Reisezeit für Spitzbergen – welcher Monat wofür, von Mai bis September.
- Eisbären auf Spitzbergen: Regeln und Sicherheit – warum ein Landgang abgesagt wird, wenn ein Bär gemeldet ist.
- Spitzbergen mit kleinen Schiffen – warum die Gästezahl über die Zahl der Anlandungen entscheidet.
- Der Eisbär · Das Walross · Der Polarfuchs
Ob die Umrundung für Sie die richtige Reise ist, hängt davon ab, wie wichtig Ihnen der Osten gegenüber der Planbarkeit ist. Sprechen Sie uns an — wir sagen Ihnen, was in welchem Monat realistisch ist.
Grundlage dieses Beitrags sind die Bordlogbücher der Reisen vom 2. bis 18. August 2024 und vom 2. bis 17. August 2025, geführt von Fahrtleiter Alexander Lembke. Alle Fotos: Alexander Lembke.


