Elf Eisbären in zehn Tagen. Ein Barbecue auf 79 Grad Nord. Und ein Landgang, der dreimal verschoben werden musste — weil immer wieder Bären im Weg lagen. Das Logbuch der MS Ortelius vom August 2026 liest sich wie ein Lehrstück darüber, was eine Spitzbergen-Umrundung von einer normalen Kreuzfahrt unterscheidet: Hier bestimmt das Eis den Fahrplan, nicht der Prospekt.
Wir haben das vollständige Bordtagebuch der Reise ausgewertet — zehn Tage, fünfzehn Landestellen, Positionen und Wetterdaten für jeden Mittag. Was dabei herauskommt, ist die ehrlichste Antwort auf die Frage, die uns Gäste am häufigsten stellen: Was sehe ich dort wirklich?
Die Route: einmal rund um Spitzbergen und um Nordaustlandet
Die Reise startete und endete in Longyearbyen. Dazwischen lagen 15 Anlandungen und Zodiac-Fahrten, ein Vorstoß ins Packeis nördlich von Svalbard und die komplette Umrundung von Nordaustlandet — jener zweitgrößten Insel des Archipels, die viele Spitzbergen-Reisen gar nicht erreichen.
Der nördlichste Punkt wurde am vierten Tag erreicht: 80°40,4′ Nord, auf Höhe der Sjuøyane — der Sieben Inseln ganz im Norden des Archipels. Das sind rund 1.030 Kilometer vom Nordpol entfernt.
Tag für Tag — mit Position, Wetter und Temperatur
Diese Tabelle stammt aus den Mittagspositionen des Bordtagebuchs. Sie zeigt, was viele unterschätzen: Wie kalt es im arktischen Hochsommer tatsächlich ist — und wie sehr das Wetter von Tag zu Tag wechselt.
| Tag | Ort | Position 12 Uhr | Wetter | Luft |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Longyearbyen, Einschiffung | 78°18,4′ N · 015°16,1′ E | teils bewölkt | 6,0 °C |
| 2 | Lilliehöökbreen · Ny-Ålesund | 79°17,2′ N · 011°37,3′ E | bedeckt | 4,3 °C |
| 3 | Packeis nördlich Svalbard | 80°38,2′ N · 013°50,3′ E | klar und sonnig | 3,5 °C |
| 4 | Phippsøya · Chermsideøya | 80°40,4′ N · 020°57,3′ E | klar und sonnig | 4,1 °C |
| 5 | Kvitøya — Kræmerpynten, Andréeneset | 79°58,3′ N · 032°06,2′ E | Wolken, Nebel | 0,4 °C |
| 6 | Bråsvellbreen · Torellneset | 79°19,2′ N · 007°54,5′ E | stark bewölkt | −0,2 °C |
| 7 | Freemansundet · Boltodden | 77°39,7′ N · 019°34,8′ E | bewölkt | 4,1 °C |
| 8 | Burgerbukta · Gåshamna (Hornsund) | 77°00,7′ N · 015°57,4′ E | bedeckt | 3,1 °C |
| 9 | Alkhornet · Ymerbukta | 78°26,4′ N · 013°53,3′ E | teils bewölkt | 3,3 °C |
| 10 | Longyearbyen, Ausschiffung | — | — | — |
Die Temperaturspanne lag zwischen −0,2 und 6,0 Grad. Das ist der arktische Hochsommer. Wer glaubt, im August sei es dort mild, unterschätzt die Sache — an Deck bei Fahrtwind fühlt sich das deutlich kälter an.
Elf Eisbären — und warum das keine Selbstverständlichkeit ist
Am dritten Tag fuhr die Ortelius ins Packeis. Das Bordtagebuch schildert einen ganzen Tag vergeblicher Suche: Robben in Mengen, Bärenspuren im Schnee, Fraßplätze — aber kein Bär. Erst am Abend, während des Hauptgangs beim Dinner, entdeckte die Expeditionsleiterin einen Eisbären auf einer Scholle.
Was dann geschah, ist im Logbuch nüchtern protokolliert: Der junge Bär stand auf, kam neugierig auf das Schiff zu, legte sich an der Eiskante hin und beobachtete die Menschen — wenige Meter vom Bug entfernt. Ein zweiter, älterer Bär schwamm in einiger Entfernung vorbei und verschwand in die andere Richtung. Das Tagebuch merkt dazu an, dass dieses zweite Verhalten das typische sei: Die meisten Eisbären meiden Menschen.
Die weitere Bilanz der Reise:
- Tag 3, Packeis: zwei Bären, einer davon in unmittelbarer Nähe
- Tag 5, Kvitøya: drei Bären am Strand, zwei davon in direkter Interaktion beobachtet
- Tag 7, Freemansundet: sechs Bären vor 10 Uhr morgens — ein Weibchen mit zwei zweijährigen Jungen, ein großes Männchen, das der Familie offenbar nachstellte, und zwei weitere am Hang
Macht elf Eisbärensichtungen in zehn Tagen. Das ist eine außergewöhnlich gute Ausbeute — und keine, die sich versprechen lässt. Auf derselben Route kann eine Reise auch mit zwei Sichtungen enden. Was sich sagen lässt: Wer ins Packeis fährt und Nordaustlandet umrundet, erhöht seine Chancen erheblich gegenüber einer reinen Westküsten-Route.
Der Tag, an dem die Bären den Fahrplan bestimmten
Der siebte Tag zeigt exemplarisch, wie eine Expeditionskreuzfahrt funktioniert. Die vier Bären im Freemansundet machten die geplante Anlandung bei Sundneset unmöglich — zu nah, zu unberechenbar. Plan B war Diskobukta; dort entdeckte das Team beim Auskundschaften zwei weitere Bären am Hang. Auch das fiel aus.
Erst Plan C, Boltodden an der Ostküste Spitzbergens, war bärenfrei. Dort gingen die Gäste an Land und sahen etwas, das kaum jemand mit der Arktis verbindet: versteinerte Dinosaurierspuren. Auf dem Weg dorthin gab es drei Kurzvorträge an Bord — über Vögel, über Walrosse und über Seekrankheit.
Der Eintrag im Logbuch endet an diesem Tag mit: „Sechs Eisbären, ein paar Wale, tausende Vögel, Dinosaurierspuren, Blumen, Nebel und drei verschiedene Landepläne. Nur ein weiterer schöner Tag in der Arktis."
Was sonst noch vor die Linse kam
Das Bordtagebuch nennt für die zehn Tage unter anderem:
- Walrosse an zwei Orten — auf dem Sandstrand von Phippsøya und an Torellneset auf Nordaustlandet, dem klassischen Walross-Haulout der Region
- Finnwale an zwei Abenden, erkennbar an den hohen Blas-Fontänen im Gegenlicht
- Bartrobben und Sattelrobben im Packeis, teils in großer Zahl auf den Schollen
- Polarfüchse — einer lief in Ny-Ålesund zwischen den Forschungsgebäuden hindurch, weitere in der Tundra von Alkhornet
- Svalbard-Rentiere in Ny-Ålesund und dutzendweise bei Alkhornet, darunter Jungtiere von wenigen Monaten
- Dreizehenmöwen zu Tausenden, dazu Dickschnabellummen, Krabbentaucher, Eissturmvögel, Küstenseeschwalben, Raubmöwen — und eine Elfenbeinmöwe, eine der seltensten Arten der Hocharktis
Eine Anmerkung zur Ehrlichkeit: Die Artenliste im Anhang des Logbuchs führt auch Blauwal, Pottwal und Narwal. In den Tagesberichten kommt keines dieser Tiere vor — die Kreuzchen in der Tabelle sind offensichtlich verrutscht. Wir haben deshalb ausschließlich ausgewertet, was in den Tagesberichten selbst beschrieben ist.
Nordaustlandet und Kvitøya: die beiden Gebiete, die den Unterschied machen
Am sechsten Tag fuhr die Ortelius entlang des Bråsvellbreen — der Gletscherfront des Austfonna, der größten Eiskappe Europas. Sie ist rund 180 Kilometer breit. Im Sommer stürzen aus ihrer Wand Dutzende Schmelzwasserfälle direkt ins Meer, ein Bild, das es in dieser Form nirgendwo sonst in Europa gibt. Die Hotelmannschaft servierte an diesem Vormittag heiße Schokolade mit Sahne auf dem Achterdeck.
Am Abend desselben Tages gab es ein Barbecue an Deck — bei Lufttemperaturen um den Gefrierpunkt, auf 79 Grad Nord. Das Logbuch vermerkt trocken, dies dürfte für die meisten an Bord das nördlichste Grillen ihres Lebens gewesen sein.
Kvitøya — der Ort, an dem Andrées Ballonfahrt endete
Kvitøya, die „Weiße Insel" ganz im Osten des Archipels, ist zu 99 Prozent von einer Eiskappe bedeckt und wird nur von wenigen Schiffen im Jahr erreicht. Hier landete 1897 die schwedische Nordpol-Expedition von Salomon August Andrée.
Andrée war am 11. Juli 1897 mit zwei Begleitern in einem Wasserstoffballon von der Dänen-Insel im Nordwesten Svalbards aufgestiegen. Nach dem Verlust der Steuerleinen, Eisansatz am Ballon und Gasverlust musste die Mannschaft bereits am 14. Juli auf dem Packeis bei etwa 83 Grad Nord niedergehen. Es folgte ein Fußmarsch über das Eis, der auf Kvitøya endete. Die Leichen wurden erst 1930 gefunden — 33 Jahre später.
Von der Zodiac aus war das Denkmal am Andréeneset zu sehen. Der Logbucheintrag hält fest, dass es passend erschien, dass ein schwedischer Kapitän — Per Andersson — das Schiff an diesen Ort gebracht hatte.
Das Schiff: MS Ortelius
Die MS Ortelius wurde 1989 im polnischen Gdynia als Forschungsschiff für die Russische Akademie der Wissenschaften gebaut und hieß ursprünglich „Marina Svetaeva". Oceanwide Expeditions kaufte sie 2011, flaggte sie in die Niederlande um und benannte sie nach dem flämischen Kartografen Abraham Ortelius, der 1570 den ersten modernen Weltatlas veröffentlichte. 2019 wurde sie umfassend überholt.
| Baujahr | 1989, Gdynia · Refit 2019 |
| Länge · Breite | 91,25 m · 17,2 m |
| Tiefgang | 5,4 m |
| Eisklasse | UL1 (entspricht 1A) |
| Reisegeschwindigkeit | 10,5 Knoten |
| Besatzung | 53 Personen |
| Heimathafen | Vlissingen, Niederlande |
Die Eisklasse UL1 ist der Grund, warum diese Route überhaupt möglich ist. Sie erlaubt das Eindringen in dichtes Packeis — dorthin, wo die Eisbären jagen. Schiffe ohne verstärkten Rumpf bleiben am Eisrand.
Was Sie über diese Reise wissen sollten
Wann ist die beste Zeit für eine Spitzbergen-Umrundung?
Die Umrundung ist nur im Hochsommer möglich, etwa von Ende Juni bis Anfang September. Vorher versperrt Festeis den Weg um Nordaustlandet. Der August gilt als die verlässlichste Zeit: Das Eis hat sich weit genug zurückgezogen, um die Ostseite zu erreichen, gleichzeitig liegt das Packeis oft noch in Reichweite. Diese Reise fand vom 17. bis 26. August statt.
Wie kalt wird es wirklich?
Die gemessenen Mittagstemperaturen dieser Reise lagen zwischen −0,2 und 6,0 Grad. Dazu kommen Wind und Feuchtigkeit. Für Zodiac-Fahrten und Anlandungen brauchen Sie wasserdichte Hose, warme Schichten, Mütze und Handschuhe. Gummistiefel und Expeditionsjacke stellt die Reederei.
Sieht man garantiert Eisbären?
Nein — und niemand sollte Ihnen das versprechen. Auf dieser Reise waren es elf Sichtungen, davon eine auf wenige Meter. Auf einer anderen Reise derselben Route können es zwei sein. Was die Chance erhöht: der Vorstoß ins Packeis und die Umrundung von Nordaustlandet, wo weniger Schiffe unterwegs sind.
Wie anstrengend ist die Reise?
An den meisten Landungstagen wurden drei Gruppen gebildet — lange, mittlere und gemütliche Wanderung. Wer nur schauen und fotografieren will, kommt genauso auf seine Kosten wie wer sechs Stunden über die Tundra laufen möchte. An zwei Tagen fanden nur Zodiac-Fahrten statt, ohne Landgang.
Wie viele Landgänge gibt es?
Das Logbuch verzeichnet 15 Landestellen in acht Fahrtagen — teils Anlandungen, teils Zodiac-Fahrten entlang von Gletscherfronten. An einem Tag mussten drei verschiedene Pläne verworfen werden, bis eine bärenfreie Landestelle gefunden war.
Dieselbe Reise 2027
Die MS Ortelius fährt dieselbe Route im nächsten Jahr erneut: Rundum Spitzbergen und Nordaustlandet, 15. bis 24. August 2027, zehn Tage ab und bis Longyearbyen, ab 5.700 Euro pro Person.
Zur Reise: Rundum Spitzbergen und Nordaustlandet 2027 →
Wenn Sie unsicher sind, ob diese Route die richtige für Sie ist, oder ob eine kürzere Nordspitzbergen-Fahrt besser passt: Rufen Sie uns an. Wir fahren diese Gebiete seit 2000 und beraten zu jeder dieser Reisen persönlich.

