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◆ Reiseberichte

Was ein kleines Schiff an Grönlands Westküste erreicht

Elf Tage von Ilulissat nach Nuuk mit zwölf Gästen: zwei Tage in einem einzigen Fjord, drei Dörfer mit weniger als sechzig Einwohnern, eine Nacht vor der Gletscherfront. Und was der Preis dafür ist.

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Thema Reiseberichte

Am 28. Juli 2026 fuhr die MS CAPE RACE in einen Fjord namens Isortuarsuk, bis ans Ende des südlichen Arms, und setzte zwölf Gäste an einem Strand ab, der bei ablaufendem Wasser kaum zugänglich ist.

Das ist keine besondere Leistung. Es ist der Normalfall auf einem Schiff dieser Größe — und zugleich der ganze Unterschied zu einer Grönlandreise mit hundert oder zweihundert Mitreisenden.

Die MS Cape Race aus der Luft zwischen Schäreninseln in türkisem Wasser
Die CAPE RACE aus der Luft. 38 Meter, zwölf Gäste — damit sind Buchten erreichbar, in die kein großes Schiff einläuft. © Andreas Umbreit

Elf Tage, fünf Breitengrade, zwölf Gäste

Die Fahrt lief vom 24. Juli bis 3. August 2026 von Ilulissat nach Nuuk — von 69 Grad Nord auf 64 Grad Nord, entlang der grönländischen Westküste. Kapitän war Maarten, Expeditionsleiter Guillaume, an Bord außerdem eine Fotografin als zweiter Guide.

Das Schiff misst 38 Meter, ist eisverstärkt und nimmt zwölf Gäste auf. Dazu kommen sieben Crewmitglieder und zwei Guides. Was das praktisch bedeutet, lässt sich am Logbuch dieser elf Tage ablesen, Tag für Tag.

Was ein kleines Schiff erreicht

Gleich am ersten Abend, nach dem Auslaufen bei Ilulissat, begann laut Bordbuch „ein wahrer Slalom zwischen den Eisbergen" — jenen Eisbergen, die der Sermeq Kujalleq hervorbringt, auf Dänisch Jakobshavn Isbræ. Der Gletscher entwässert rund sieben Prozent des grönländischen Eisschildes und setzt jedes Jahr zweistellige Milliarden Tonnen Eis frei. Zwischen den Bruchstücken hindurchzufahren, statt sie aus der Ferne zu betrachten, ist eine Frage der Schiffsgröße.

Kalbende Gletscherfront mit aufsteigender Gischt in der Diskobucht
Eine Gletscherfront in der Diskobucht. Der Sermeq Kujalleq entwässert allein sieben Prozent des grönländischen Eisschildes. © Andreas Umbreit

Am 25. Juli ging es in Rodebay an Land, grönländisch Oqaatsut — ein Dorf, das niederländische Walfänger im 19. Jahrhundert gründeten und in dem heute etwa fünfzig Menschen leben. Nachmittags dann Paakitsoq: grüne Tundra, Seen, Lagunen und eine Wanderung zu einem Wasserfall.

Zwei Wasserfälle stürzen von einer Steilwand, davor das Vorschiff
Im Paakitsoq stürzt die Schmelze in zwei Fällen von der Wand. Aufgenommen vom Vorschiff aus. © Andreas Umbreit

Der 27. Juli führte auf Imerrisoq im Archipel der Whale Fish Islands. Dort stehen die Reste einer Walfangstation aus dem späten 18. Jahrhundert, dazu ein Friedhof und einige jüngere, ebenfalls verlassene Häuser. Vom Aussichtspunkt geht der Blick über die Kanäle des Archipels — und dort kam der Gruppe ein neugieriger Polarfuchs entgegen.

Und am 1. August, unterwegs nach Süden: ein kurzer Halt in Napasoq, einem Fischerdorf mit rund sechzig Einwohnern. Man begegnete kaum jemandem, fand aber eine schöne Kirche.

Rodebay, Imerrisoq, Napasoq — drei Orte, die auf keinem Fahrplan eines großen Schiffes stehen. Nicht aus Geheimnistuerei, sondern weil dort weder Kai noch Platz für zweihundert Menschen ist.

Zwei Tage in einem einzigen Fjord

Der auffälligste Unterschied zeigt sich am Evighedsfjord, dem Ewigkeitsfjord. Seinen Namen trägt er wegen seiner Seitenarme, die sich scheinbar endlos aneinanderreihen. Die CAPE RACE brauchte dafür zwei volle Tage.

Verschneiter Berg mit Gletscher über dem Wasser des Evighedsfjords
Der Evighedsfjord — der Ewigkeitsfjord. Seinen Namen trägt er wegen der Seitenarme, die scheinbar nicht enden. © Andreas Umbreit

Am 30. Juli ging die Gruppe auf der Seitenmoräne eines Gletschers im Samissoq-Arm an Land und blieb anderthalb Stunden. Danach ging es weiter bis ans Ende des Fjords, vorbei an hängenden Gletschern und Felswänden, die fast senkrecht ins Meer fallen. Spätabends erreichte das Schiff Qinngua Kujalleq, den südöstlichen Seitenarm, an dessen Ende zwei Gletscher ins Meer münden.

Die Nacht verbrachte das Schiff vor dem Sermitsiaq-Gletscher. Am nächsten Morgen: eine Zodiacfahrt vor den beiden Fronten, dann an Land und den Fluss hinauf zu einem Aussichtspunkt, an dem ein Wasserfall Schmelzwasser des Eisschildes in ein Becken stürzt.

Am Nachmittag desselben Tages passierte das Schiff eine Vogelklippe mit Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen und erreichte den Taaterat-Gletscher. Dort geschah das, was diese Reiseform ausmacht: Die Gruppe betrat eine Fläche, die der Gletscher erst kurz zuvor freigegeben hatte, näherte sich der Front bis auf wenige Meter und konnte das Eis berühren.

Hunderte Dreizehenmöwen über einem blauen Eisberg
Dreizehenmöwen vor einer Gletscherfront. Wo Schmelzwasser austritt, reißt es Beute an die Oberfläche. © Andreas Umbreit

Zwei Tage für einen Fjord — das geht nur, wenn niemand einen Hafen erreichen muss.

Und wo es das Wetter entscheidet

Am 1. August steht im Bordbuch ein Satz, der ehrlicher ist als jeder Katalogtext: Um eine zweite Überfahrt auf unruhiger See zu vermeiden, nahm das Schiff bereits einen Tag früher Kurs nach Süden.

Zwei Tage zuvor, nach dem Auslaufen aus Sisimiut, hatten sich vor dem Bug Wellen von anderthalb bis zwei Metern aufgebaut. Ein kleines Schiff spürt das deutlicher als ein großes. Der Gegenwert ist der Zugang zu den Fjordarmen — beides gehört zusammen und lässt sich nicht trennen.

Nicht nur Eis

Die Westküste ist nicht die Bilderbuch-Arktis, für die viele sie halten. Auf der Diskoinsel landete die Gruppe am 26. Juli an einem weißen Sandstrand mit Düne an, dahinter ein See mit Dutzenden Prachteiderenten. Nachmittags dann Kuannit, ein schwarzer Sandstrand, und ein Weg entlang einer vom Meer erodierten Basaltküste zu den Säulen — entstanden beim Abkühlen von Lava, die sich vor rund 60 Millionen Jahren beim Auseinanderbrechen des Nordatlantiks ergoss. Dazu das Knacken der Eisberge und die Blasgeräusche von Finnwalen.

Dunkler Findling auf einem Eisberg, gespiegelt im ruhigen Wasser
Ein Findling, den ein Gletscher aufgenommen und im Eisberg wieder ausgesetzt hat. Von einem Eisberg ragt nur ein Zehntel bis ein Achtel über Wasser. © Andreas Umbreit

In Sisimiut, mit 5.500 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Grönlands, ist das Gebiet seit rund 4.000 Jahren besiedelt. Nachmittags ging es nach Assaqutaq, einem Dorf, das in den 1960er-Jahren im Zuge der dänischen G60-Politik aufgegeben wurde — kleinere Siedlungen wurden damals zugunsten größerer Städte zusammengelegt. Einige Häuser dienen heute als Sommerlager für Jugendliche aus Sisimiut.

Und am vorletzten Tag, im Kobbefjord bei Nuuk, wanderte die Gruppe durch eine Tundra mit „für grönländische Verhältnisse ungewöhnlich hohen Sträuchern" — direkt neben den Messflächen des Greenland Institute of Natural Resources, das dort die Vegetation und die Folgen des Klimawandels langfristig beobachtet. Der Unterschied zum Norden derselben Reise, elf Tage zuvor, war mit bloßem Auge zu sehen.

Schwarze verschneite Felswände über dunklem Wasser im Nebel
Hamborgerland auf 66 Grad Nord, auf halbem Weg zwischen Ilulissat und Nuuk. © Andreas Umbreit

Wie es aussieht

Diese Aufnahmen zeigen dieselbe Küste — die ersten acht Bilder des folgenden Films stammen von genau dieser Strecke zwischen Diskobucht und Evighedsfjord.

Grönland der Länge nach: von der Diskobucht bis in den grünen Süden. Die ersten acht Karten zeigen die hier beschriebene Westküste. © Andreas Umbreit

Was das für Ihre Planung heißt

Wer Grönlands Westküste sehen will, hat die Wahl zwischen zwei Reiseformen, und sie unterscheiden sich mehr, als der Prospekt vermuten lässt.

  • Großes Schiff: mehr Komfort, stabiler bei Seegang, feste Häfen, Anlandungen in Gruppen nach Nummern. Ilulissat, Sisimiut und Nuuk stehen im Programm — die Dörfer und Fjordarme dazwischen nicht.
  • Kleines Schiff: zwölf Gäste, jeder Landgang für alle gleichzeitig, Ankern vor der Gletscherfront, kurzfristiges Umdisponieren. Dafür spürbarer Seegang und weniger Bordkomfort.

Welche Schiffe für Grönland überhaupt in Frage kommen und wie klein „klein" wirklich ist, haben wir auf einer eigenen Seite zusammengestellt: kleine Schiffe für Grönland.

Reisen auf dieser Route

Wie dieselbe Küste weiter nördlich aussieht, steht in unserem Bericht über die Gletscher im Nordosten der Diskobucht. Und wer wissen will, was am Südende dieser Längsachse liegt: Südgrönland.

Häufige Fragen zu Grönlands Westküste

Warum lohnt sich für Grönland ein kleines Schiff?

Weil die Westküste aus Fjordarmen, Archipelen und Dörfern mit wenigen Dutzend Einwohnern besteht. Die MS Cape Race misst 38 Meter und nimmt zwölf Gäste auf. Sie ankert über Nacht vor einer Gletscherfront, landet an Stränden an, die bei Ebbe kaum zugänglich sind, und fährt Seitenarme aus, in die ein großes Schiff nicht hineinkommt. Auf dieser Reise ging die Gruppe an sechs Stellen an Land, an denen ein Schiff mit hundert Gästen nicht angelandet hätte.

Wie viele Gäste hat die MS Cape Race?

Zwölf. Dazu kommen sieben Crewmitglieder und im Sommer zwei Guides. Das Schiff ist 38 Meter lang, 7,47 Meter breit, hat 3,80 Meter Tiefgang und ist eisverstärkt. Gebaut wurde es 1963, zuletzt 2018/2019 umgebaut.

Welche Orte erreicht man an Grönlands Westküste nur mit einem kleinen Schiff?

Auf dieser Fahrt waren es unter anderem Imerrisoq im Archipel der Whale Fish Islands mit den Resten einer Walfangstation, der Fjord Isortuarsuk mit einem bei Ebbe schwer zugänglichen Strand, das Fischerdorf Napasoq mit rund sechzig Einwohnern und die inneren Seitenarme des Evighedsfjords. Auch Kuannit auf der Diskoinsel, wo man über eine erodierte Basaltküste zu den Säulen wandert, ist nur per Zodiac erreichbar.

Wie lange dauert eine Schiffsreise von Ilulissat nach Nuuk?

Diese Fahrt brauchte elf Tage für rund 600 Kilometer Luftlinie — von 69 Grad Nord in Ilulissat bis 64 Grad Nord in Nuuk. Die Strecke selbst ließe sich schneller zurücklegen; die Zeit geht in die Anlandungen, die Fjordarme und das Warten auf gutes Licht.

Wann ist die beste Reisezeit für Grönlands Westküste?

Juli und August. Auf dieser Reise lagen die Lufttemperaturen zwischen 8 und 13 Grad, überwiegend bei Sonne. Die Mitternachtssonne steht Ende Juli noch tief genug für warmes Licht, und die Tundra ist grün. Im Juni liegt oft noch mehr Eis in den Fjorden, im September wird es merklich kühler und dunkler.

Wie nah kommt man an einen Gletscher heran?

Das entscheidet die Eislage, nicht der Plan. Am Taaterat-Gletscher im Evighedsfjord betrat die Gruppe eine Fläche, die der Gletscher erst kurz zuvor freigegeben hatte, und stand wenige Meter vor dem Eis. Am Sermitsiaq-Gletscher lag das Schiff die Nacht über vor der Front. Beides sind Ausnahmen und keine Zusage.

Wie kommt man nach Ilulissat?

Über Kopenhagen nach Kangerlussuaq oder Nuuk und von dort mit Air Greenland weiter. Seit dem Ausbau des Flughafens Nuuk im Jahr 2024 gibt es mehr Verbindungen. Die Anreise dauert in der Regel einen Tag, weshalb die meisten Programme eine Übernachtung vor der Einschiffung vorsehen.

Was sieht man an der Westküste an Tieren?

Auf dieser Fahrt Buckelwale bei Rodebay, Finnwale vor der Diskoinsel, einen Polarfuchs auf Imerrisoq, Prachteiderenten auf der Diskoinsel sowie Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen an einer Vogelklippe im Evighedsfjord. Rentierspuren gab es im Fjord Isortuarsuk, die Tiere selbst blieben unsichtbar.

Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise vom 24. Juli bis 3. August 2026 mit der MS CAPE RACE, von Ilulissat nach Nuuk. Kapitän: Maarten. Expeditionsleiter: Guillaume. Alle Positionen, Temperaturen und Beobachtungen stammen aus diesem Logbuch. Die gezeigten Fotos stammen von Andreas Umbreit und wurden auf CAPE-RACE-Fahrten derselben Küste aufgenommen — nicht auf dieser Abfahrt.

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