Südgrönland: Wikingerruinen, heiße Quellen, Wale
Südgrönland ist die grüne Seite der größten Insel der Welt. Hier wachsen Wiesen zwischen den Fjorden, es gibt Schafzucht und heiße Quellen — und hier landeten vor über tausend Jahren die ersten Europäer an, lange bevor Kolumbus segelte. Wer Südgrönland bucht, reist deshalb nicht nur in eine Landschaft, sondern in eine Siedlungsgeschichte, die nach fünfhundert Jahren abbrach und bis heute Rätsel aufgibt.
Wir haben das Bordlogbuch einer solchen Reise ausgewertet: die MS Plancius, 2. bis 11. September 2025, zehn Tage von Narsarsuaq entlang der Südspitze und die Ostküste hinauf bis nach Island. Alle Positionen, Temperaturen und Beobachtungen auf dieser Seite stammen daraus.
Brattahlíð: der Hof von Erik dem Roten
Die Reise beginnt in Narsarsuaq bei Nebel und drei Grad — dem kältesten Wert der ganzen Fahrt, ausgerechnet am Startpunkt. Noch am selben Tag führt der erste Landgang nach Qassiarsuk, dem Ort, der in den Sagas Brattahlíð heißt. Hier ließ sich Erik der Rote nieder, nachdem er aus Island verbannt worden war, und von hier brach sein Sohn Leif Eriksson nach Nordamerika auf. Was man heute sieht, sind Grasnarben, Fundamente und Rekonstruktionen — aber man steht auf dem Boden, von dem aus Europa den amerikanischen Kontinent erreichte, rund fünfhundert Jahre vor Kolumbus.
Alluitsoq, das einmal Lichtenau hieß
Der zweite Tag führt zu einer verlassenen Siedlung mit deutschem Namen. Alluitsoq wurde als Lichtenau von der Herrnhuter Brüdergemeine gegründet — einer protestantischen Glaubensgemeinschaft aus der Oberlausitz, die im 18. Jahrhundert Missionsstationen in Grönland betrieb. Heute steht der Ort leer. Das Logbuch beschreibt einen geschützten Naturhafen am Fuß eines auffallend grünen Hangs, auf dem Gebäude in unterschiedlichen Verfallsstadien verstreut liegen. Wenige Kilometer entfernt liegt Unnartoq mit seinen heißen Quellen — ein natürliches Warmwasserbecken, in dem man badet, während im Fjord dahinter Eisberge treiben.
Herjolfsnes: eine Kirche, die das Meer sich zurückholt
Am dritten Tag erreicht das Schiff mit 59°46,1′ Nord seinen südlichsten Punkt. An Land liegen die Ruinen von Herjolfsnes, heute Ikigait — eine nordische Siedlung, gegründet im späten 10. Jahrhundert von Herjolf Bardsson und rund fünfhundert Jahre lang bewohnt. Am besten erhalten sind die Reste der Kirche und des Friedhofs. Beide werden vom Meer abgetragen: Die Westküste erodiert, und mit ihr verschwindet Stück für Stück ein Ort, an dem Menschen ein halbes Jahrtausend lang lebten. Wer genau hinsieht, erkennt außerdem die Spuren der Langhäuser im Boden.
Napasorsuaq: eine Fahrt durch die gefrorene Galerie
Der vierte Tag gehört dem Eis. Bei sechs Grad und ruhiger See fahren die Zodiacs durch den Napasorsuaq-Fjord zwischen turmhohen Eisbergen hindurch, die der nahe Gletscher abgeworfen hat. Das Logbuch vergleicht es mit dem Gleiten durch eine gefrorene Galerie — jeder Eisberg einzigartig in Form, Farbe und Oberfläche, und das Licht, das darüber wandert, holt Blau- und Weißtöne hervor, die von innen zu leuchten scheinen.
Wenn Wale den Plan ändern
Am fünften Tag stand eine Anlandung auf Timmiarmiit Ø an, dessen Name übersetzt „wo es Vögel gibt" bedeutet. Das dichte Eis, das eine Woche zuvor noch den Zugang versperrt hatte, war von Wind und Strömung tiefer in die Fjorde gedrückt worden — die Bedingungen waren ideal. Und dann tauchten mehrere Buckelwale auf, nah und fern vom Schiff. Im Logbuch steht der Merksatz der Expeditionsleitung dazu: Wenn Wale da sind, zögert man nicht, den Plan zu ändern, denn man weiß nie, wohin sie als Nächstes ziehen.
Skjoldungen: benannt nach einer Sagengeschlechterfolge
Der Skjoldungen-Fjord trägt den Namen einer legendären nordischen Dynastie und gilt als verborgenes Kleinod Südostgrönlands. Am sechsten Tag glitt die Plancius bei klarem Himmel, scharfem Sonnenlicht und völliger Windstille hinein; die Granitwände zu beiden Seiten glühten im Morgenlicht. Die Langstreckengruppe wanderte an einer alten Moräne vorbei bis an die Zunge eines Gletschers — dorthin, wo das Eis endet und das Schmelzwasser beginnt.
Nansen Bugt: Blick auf das Inlandeis
Die weite Bucht am siebten Tag hat einen besonderen Reiz: Von hier sieht man das grönländische Inlandeis selbst — jene Eiskappe, die den Kontinent bedeckt und an dieser Stelle in großen Gletschern zum Meer hin abbricht. Das Schiff blieb bis zum frühen Abend. Der Sonnenaufgang war laut Logbuch schlicht großartig, weshalb ungewöhnlich viele Gäste bereits auf den Außendecks standen, als das Morgenlicht über Berge, Eisberge und stilles Wasser lief.
Tasiilaq: „wie ein See"
Der letzte Landgang führt nach Tasiilaq, dem größten Ort an Grönlands Ostküste. Der Name bedeutet „wie ein See" und beschreibt die Bucht, in der das Schiff ankert — sie liegt so ruhig, dass sie ihren Namen erklärt. Im örtlichen Museum finden sich traditionelle Jagdgeräte, darunter Narwal- und Walrosszähne, dazu ein kleiner Souvenirladen. Es ist der Kontrast, der diese Reise ausmacht: nordische Ruinen am Anfang, eine lebendige Inuit-Gemeinde am Ende.
Drei Walarten auf einer Überfahrt
Der Rückweg über die Dänemarkstraße brachte, was sich nicht planen lässt. Kaum waren die Gäste nach dem Frühstück an Deck, standen Blaswolken über dem ganzen Horizont — das Logbuch schreibt, es sei gewesen, als wäre der Ozean selbst lebendig geworden. Pottwale tauchten in ihrem bedächtigen Rhythmus auf, erkennbar am schräg nach vorn gerichteten Blas. Finnwale, die zweitgrößten Tiere der Erde, zogen wie stille Riesen vorbei, und Buckelwale zeigten ihre gewölbten Rücken und die Fluke beim Abtauchen.
Wann fahren, wie lange, mit welchem Schiff
Südgrönland hat eine kurze Saison mit klarem Schwerpunkt: In unserem Programm liegen acht der zehn Abfahrten im August, je eine im Juli und September. Die Reisen dauern elf bis achtzehn Tage, die Preise beginnen bei rund 9.350 Euro. Bemerkenswert ist, dass hier auch die MS Cape Race fährt — ein durchgehend deutschsprachiges Schiff, mit dem sich die Region ohne Sprachbarriere bereisen lässt. Daneben stehen Komfortschiffe wie Ultramarine und Ocean Explorer zur Wahl, teils mit Hubschrauberausflügen ins alpine Hinterland.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Südgrönland und Ostgrönland?
Südgrönland ist grüner, milder und geschichtlich geprägt: Hier wachsen Wiesen zwischen den Fjorden, es gibt Schafzucht, heiße Quellen und die Ruinen der nordischen Siedlungen aus dem 10. Jahrhundert. Ostgrönland um den Scoresbysund ist dagegen kaum besiedelt, arktischer und landschaftlich extremer, mit größeren Fjordsystemen und näher am Packeis. Die hier ausgewertete Reise verbindet beides: Sie beginnt bei den Wikingerruinen im Süden und arbeitet sich die Ostküste hinauf bis Tasiilaq.
Kann man in Südgrönland die Wikingersiedlungen besuchen?
Ja, sie gehören zum festen Programm. Die ausgewertete Reise führte nach Qassiarsuk — in den Sagas Brattahlíð, der Hof von Erik dem Roten, von dem aus sein Sohn Leif Eriksson nach Nordamerika aufbrach — sowie nach Herjolfsnes, heute Ikigait, gegründet im späten 10. Jahrhundert von Herjolf Bardsson. Von Herjolfsnes sind vor allem die Reste der Kirche und des Friedhofs erhalten, die allerdings von der Meereserosion abgetragen werden. Auch Spuren der Langhäuser sind im Boden erkennbar.
Gibt es in Grönland wirklich heiße Quellen?
Ja, und sie sind badbar. Bei Unnartoq im Süden liegt ein natürliches Warmwasserbecken mit Umkleidemöglichkeit, gefasst von Steinen und umgeben von Wiesen — während im Fjord dahinter Eisberge treiben. Der Kontrast gehört zu den ungewöhnlichsten Erlebnissen einer Grönlandreise und ist einer der Gründe, warum Südgrönland sich so deutlich von den arktischen Revieren weiter nördlich unterscheidet.
Wie warm ist es in Südgrönland im September?
Milder als erwartet. Die Logbuchwerte dieser Reise lagen zwischen drei Grad in Narsarsuaq am Anreisetag und dreizehn Grad bei der Ankunft in Island. An den Expeditionstagen entlang der Küste zeigte das Thermometer meist vier bis sechs Grad. Südgrönland liegt auf etwa 60 Grad Nord und damit auf der Höhe von Oslo oder Sankt Petersburg — deutlich südlicher als Spitzbergen oder der Scoresbysund.
Welche Wale sieht man in Südgrönland?
Das Logbuch dieser Reise verzeichnet gleich drei Arten an einem einzigen Vormittag auf der Dänemarkstraße: Pottwale, erkennbar am schräg nach vorn gerichteten Blas, Finnwale als zweitgrößte Tiere der Erde und Buckelwale, die beim Abtauchen ihre Fluke zeigen. Zuvor hatten Buckelwale bereits vor Timmiarmiit Ø das Tagesprogramm geändert — die Expeditionsleitung entschied kurzerhand, statt der geplanten Anlandung den Walen zu folgen.
Wo beginnt und endet eine Südgrönland-Reise?
Die ausgewertete Reise begann in Narsarsuaq im Süden und endete zehn Tage später in Keflavík auf Island — also als Einwegreise über zwei Länder. Narsarsuaq hat einen Flughafen, der über Kopenhagen oder Reykjavík erreichbar ist. Andere Routen desselben Reviers verlaufen umgekehrt oder enden in Nuuk. Bei der Buchung lohnt der Blick darauf, weil An- und Abreise entsprechend geplant werden müssen.
Wie lange dauert eine Südgrönland-Reise?
Zwischen elf und achtzehn Tagen. Die hier ausgewertete Fahrt der MS Plancius umfasste zehn Tage von Narsarsuaq nach Keflavík, davon zwei Seetage über die Dänemarkstraße. Längere Routen kombinieren Südgrönland mit der Westküste oder fahren bis nach Nuuk weiter. Die achtzehntägige Variante mit der MS Cape Race trägt den Namen „Die ultimative Grönland-Expedition".
Gibt es deutschsprachige Reisen nach Südgrönland?
Ja. Die MS Cape Race fährt zwei Routen in diesem Revier und ist durchgehend deutschsprachig unterwegs — Schiffsführung, Expeditionsleitung und Bordsprache. Für eine Region, deren Reiz stark an Geschichte und Erklärung hängt — nordische Siedlungen, Missionsstationen, Geologie —, macht das einen spürbaren Unterschied. Die übrigen Schiffe im Programm fahren auf Englisch, teils mit deutschsprachiger Begleitung.
Wann ist die beste Reisezeit für Südgrönland?
Die Saison ist kurz und liegt im Hochsommer bis Frühherbst. In unserem Programm entfallen acht von zehn Abfahrten auf den August, je eine auf Juli und September. Im August sind die Wiesen grün und die Tage lang; der September bringt Herbstfarben, ruhigere Fjorde und höhere Chancen auf Nordlichter, dafür kürzere Tage. Das Eis vor der Küste verschiebt sich laufend — auf der ausgewerteten Reise war eine Passage frei, die eine Woche zuvor noch blockiert gewesen war.
Was kostet eine Reise nach Südgrönland?
Die Preise in unserem aktuellen Programm beginnen bei rund 9.350 Euro pro Person für elf Tage mit der MS Cape Race und reichen bis etwa 15.200 Euro für fünfzehntägige Reisen mit Komfortschiffen wie Ocean Explorer oder Ultramarine. Die achtzehntägige Cape-Race-Expedition liegt bei rund 14.000 Euro. Südgrönland ist damit teurer als vergleichbare Spitzbergen-Reisen — das Revier ist abgelegener und die Saison deutlich kürzer.
Reisen nach Südgrönland
Diese Expeditionen führen in das hier beschriebene Revier — zu den nordischen Siedlungen, den heißen Quellen und die Südostküste hinauf.
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