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Spitzbergen Anfang Mai: Fjordeis, Walrosse und ein Schiff für zwölf

Schnee bis zur Wasserlinie, Fjorde noch unter Eis, die Sonne geht nicht mehr unter: Zehn Tage mit der SV Meander zum Saisonstart zeigen eine Arktis, die im Hochsommer niemand mehr sieht. Mit Walrossen...

Lesezeit 13 Minuten
Thema Reiseberichte

Ende April liegt in Spitzbergen noch Schnee bis zur Wasserlinie, die Fjorde sind teilweise zugefroren, und die Sonne geht nicht mehr unter. Zehn Tage auf einem Segelschiff mit zwölf Gästen zeigen eine Arktis, die im Hochsommer niemand mehr zu sehen bekommt. Was die frühe Saison bietet — und was nicht.

Wann beginnt die Spitzbergen-Saison?

Die Schiffssaison in Spitzbergen läuft von Ende April bis in den September. Die meisten Reisen finden im Juni, Juli und August statt — dann ist die Landschaft weitgehend schneefrei, die Vogelfelsen sind besetzt, und eine Umrundung der Inselgruppe wird möglich.

Was dabei fast unter geht: Der Saisonbeginn Ende April und Anfang Mai ist eine völlig andere Reise. Die Meander lief am 30. April 2026 aus Longyearbyen aus und kehrte am 9. Mai zurück — 438,7 Seemeilen, gut 812 Kilometer, mit Fahrtleiter Rolf Stange und zwölf Gästen an Bord. Dieser Bericht folgt dem Bordlogbuch dieser Reise.

Wie sieht Spitzbergen Anfang Mai aus?

Weiß. Und zwar bis hinunter ans Wasser. Wo im Juli offene Tundra liegt, türmt sich Anfang Mai eine Schneemauer am Ufer — in Selvågen auf dem Prins Karls Forland musste der Fahrtleiter mit der Axt erst einen Durchstieg schlagen, bevor die Gruppe an Land kam.

Die Temperaturen lagen an Bord zwischen +3 °C am Anreisetag in Longyearbyen und −5 °C in den Fjorden im Süden. Das klingt kalt und ist es auch, aber es ist trockene Kälte bei meist ruhiger Luft. Der Unterschied zum Hochsommer ist weniger die Temperatur als das, was man sieht: eine Landschaft ohne Farbe außer Weiß, Blau und dem Braun der wenigen schneefreien Hänge.

Schneebedeckte Ufer und teilweise gefrorene Bucht in Signehamna, Spitzbergen, Anfang Mai
Signehamna, Krossfjord · Foto: Rolf Stange

Warum das Fjordeis der eigentliche Grund ist, früh zu fahren

Im Hochsommer sind die Fjorde offen. Anfang Mai liegt in vielen von ihnen noch das Eis des vergangenen Winters — und das verändert alles.

Gleich am ersten Morgen in der Borebukta war das Ufer von festem und treibendem Eis blockiert, eine Anlandung unmöglich. Stattdessen fuhren die Zodiacs die Eiskante entlang, stellten die Motoren ab und ließen die Gruppe hören, wie das klingt: Knirschen, Knacken, sonst nichts.

Im Van Keulenfjord im Süden erreichte das Schiff am 6. Mai die geschlossene Eiskante. Sie erwies sich als über einen halben Meter dick und glashart — fest genug, um darauf spazieren zu gehen. Der Kapitän setzte die Gruppe mit dem Zodiac auf dem Fjordeis ab. Eine völlig flache, kilometerweite Fläche, auf der man sich verteilen und einfach stehen bleiben kann. Das gibt es im Juli nicht mehr.

Aufgebrochenes Fjordeis und Gletscherfront in der Borebukta, Isfjord, Spitzbergen
Borebukta im Isfjord · Foto: Rolf Stange

Nebenbei wird an der Eiskante ein Unterschied anschaulich, den man sonst nur liest: Fjordeis ist gefrorenes Meerwasser des letzten Winters. Gletschereis ist jahrhundertealtes, verdichtetes Schneewasser. Beides treibt hier nebeneinander, und man sieht es den Stücken an.

Welche Tiere sieht man in Spitzbergen Anfang Mai?

Die ehrliche Antwort zuerst: Auf dieser Reise wurde kein Eisbär gesichtet. Gefunden wurde ein verwitterter Eisbärenzahn auf der Hermansenøya — mehr nicht. Eine Sichtung ist zu jeder Zeit der Saison möglich und nie garantiert; wer ausschließlich deswegen fährt, sollte das wissen.

Gesehen wurde dafür anderes, und zwar reichlich:

Walrosse

Gleich am ersten vollen Tag lag eine Gruppe mitten in einem Treibeisfeld vor der Erdmannflya. Am Abend desselben Tages ging die Gruppe an der Halbinsel Poolepynten an Land, wo 15 bis 20 Tiere in zwei Gruppen lagen — nach Auskunft des Logbuchs mit einem „ausgiebigen Verdauungsschläfchen" beschäftigt. Die meisten taten gar nichts; wer die Liegeposition wechselte, geriet regelmäßig in kleine Konflikte mit dem Nachbarn.

Gruppe Walrosse im Schnee an der Halbinsel Poolepynten, Prins Karls Forland, Spitzbergen
Walrosse bei Poolepynten · Foto: Rolf Stange

Später kamen weitere Gruppen dazu: am Måseneset im Mariasund und — das ungewöhnlichste Bild der Reise — auf Eisschollen östlich der Akseløya, zwischen die der Kapitän das Schiff bei strahlender Sonne hineinsteuerte.

Walrosse am Ufer im Mariasund zwischen Akseløya und Midterhukfjellet, Spitzbergen
Mariasund · Foto: Rolf Stange

Polarfüchse

Der Höhepunkt für viele. Auf der Halbinsel Asbestodden im Recherchefjord lief ein Polarfuchs die Uferzone ab, durchsuchte den angeschwemmten Seetang nach Fressbarem — und zog dabei in wenigen Metern Abstand direkt an der Gruppe vorbei, ohne die geringste Scheu. Auf dem Rückweg begegnete ihnen ein zweiter, ebenso gelassen.

Polarfuchs im Übergangsfell sucht am Ufer im Seetang nach Nahrung, Asbestodden, Spitzbergen
Polarfuchs bei Asbestodden · Foto: Rolf Stange

Anfang Mai stehen die Tiere mitten im Fellwechsel — das dichte weiße Winterfell weicht dem kürzeren, dunkleren Sommerkleid. Am Krossfjord zeigte sich außerdem ein Blaufuchs, die seltenere dunkle Farbvariante, die auch im Winter nicht weiß wird.

Polarfuchs im Winterfell auf Schnee und Fels, Spitzbergen im Mai
Foto: Rolf Stange

Spitzbergen-Rentiere

Fast täglich. Ein einzelnes Tier stapfte durch den tiefen Schnee bei Poolepynten, zwei suchten am Hang bei Selvågen nach freiliegender Vegetation, drei kamen auf der Ahlstrandhalvøya erst neugierig heran und zogen sich dann zurück. In der Ymerbukta empfingen zwei die Gruppe direkt an der Landestelle.

Spitzbergen-Rentier im Schnee in der Ymerbukta, Isfjord
Ymerbukta · Foto: Rolf Stange

Vögel und Robben

An der Eiskante in der Ymerbukta saßen große Trupps Eiderenten, darunter einzelne Prachteiderenten, deren Ruf ständig zu hören war, sobald die Gruppe still stand. An den Steilklippen des Midterhukfjellet saßen Dickschnabellummen truppweise auf dem Wasser. Dazu Eismöwen, Skuas auf der Hermansenøya, Seehunde bei Ny-Ålesund und ein neugieriger, der das Zodiac ein Stück begleitete.

Schneeschuhe statt Wanderschuhe

Das ist der praktische Unterschied zum Sommer. Wer Anfang Mai an Land geht, geht auf Schnee — und zwar auf tiefem. Ohne Schneeschuhe kommt man in Selvågen oder Signehamna keine hundert Meter weit.

Sie werden an Bord gestellt, und die Handhabung ist in fünf Minuten erklärt. Anstrengender als eine Sommerwanderung ist es trotzdem: Das Logbuch vermerkt trocken, der Schnee sei „schwer und tief" gewesen, weshalb es sich lohnte, weiter hinten in der Reihe zu gehen und die ausgetretene Spur zu nutzen. Wer sich das zutraut, bekommt dafür Landschaften, die im Juli anders und deutlich weniger spektakulär aussehen.

Die Gletscher: Lilliehöökbreen und Dahlbreen

Der Lilliehöökbreen im Krossfjord hat eine Gletscherfront von rund elf Kilometern Länge und gehört damit zu den größten Gletschern Spitzbergens. Die Meander fuhr durch ein Feld treibenden Gletschereises bis auf 300 bis 500 Meter an die Abbruchkante heran, die stellenweise über 40 Meter aufragt.

Die elf Kilometer breite Gletscherfront des Lilliehöökbreen im Krossfjord, Spitzbergen
Lilliehöökbreen · Foto: Rolf Stange

Der Dahlbreen im Forlandsund ist mit vier Kilometern Abbruchkante der größte Gletscher dieses Sundes und wirkt völlig anders: nicht konkav geschwungen wie der Lilliehöökbreen, sondern gerade gestreckt, beidseitig von schroffen Bergen eingerahmt und deutlich höher als die üblichen 30 bis 40 Meter.

Beide kalbten während des Besuchs nur wenig. Das gehört dazu — ein Gletscher kalbt, wann er will, und die meiste Zeit tut er es nicht.

Ny-Ålesund: die nördlichste Siedlung Spitzbergens

Der Besuch der ehemaligen Kohlebergbausiedlung, heute internationale Forschungsstation, ist auf fast jeder Spitzbergen-Route ein fester Punkt. Eine Eigenheit sollte man kennen: Vor der Ankunft müssen Bluetooth und WLAN an sämtlichen Geräten ausgeschaltet werden, weil dort mit empfindlichen Messinstrumenten geforscht wird.

Die SV Meander im Hafen von Ny-Ålesund, Kongsfjord, Spitzbergen
Ny-Ålesund · Foto: Rolf Stange

Zu sehen gibt es den alten Kohlezug, das Museum, den weltbekannten Laden Kongsfjordbutikken (öffnet um 10 Uhr) — und vor allem den Luftschiffmast, an dem 1926 die „Norge" mit Roald Amundsen und Umberto Nobile zum Nordpolflug ankerte. Für viele ist der Gang dorthin der eigentliche Grund des Besuchs.

Rote Holzhäuser der Forschungssiedlung Ny-Ålesund vor schneebedeckten Bergen
Ny-Ålesund · Foto: Rolf Stange

Was man sonst noch findet

Spitzbergen ist voller Spuren gescheiterter Vorhaben, und Anfang Mai liegen viele davon unter Schnee — was den Umgang mit ihnen leichter macht: Man geht nicht darauf.

  • Signehamna: die Reste einer deutschen Kriegswetterstation aus dem Zweiten Weltkrieg, im Mai vollständig eingeschneit.
  • Asbestodden: ein Probebergbau auf Asbest der englischen Northern Exploration Company, die um den Ersten Weltkrieg in Spitzbergen eine Reihe von Bergbauprojekten anstieß, ohne je eines in Betrieb zu bringen.
  • Ahlstrandhalvøya: drei alte Boote des Weißwalfangs. Norwegische Jäger sperrten hier vor rund hundert Jahren vorbeiziehende Belugaherden mit Netzen in Buchten ein. Der Weißwalfang endete 1962; heute leben weniger als 1.000 dieser Tiere in Spitzbergens Fjorden.
  • Poolepynten: ausgedehnte Treibholzstrände, überwiegend gesägtes Holz aus der sibirischen Forstwirtschaft, das mit den Meeresströmungen über den Arktischen Ozean hierher driftet.

Und ein Fund, der die Zeitachse verrückt: Auf der Ahlstrandhalvøya liegen an senkrecht stehenden Felsplatten zahlreiche Fossilien — Brachiopoden und Bryozoen aus dem oberen Karbon oder unteren Perm, rund 300 Millionen Jahre alt. Was heute Spitzbergen ist, war damals ein tropisches Flachmeer am Äquator.

Warum ein Segelschiff mit zwölf Gästen

Die SV Meander wurde 1946 in Finkenwerder bei Hamburg gebaut, auf einer Werft, die für kräftige Schiffe bekannt war — mit eisverstärktem Rumpf. Bis in die 1990er Jahre fuhr sie als Fischereifahrzeug, 1995 wurde sie zum Segelschiff umgebaut und hat auf ihren Wegen Stürme bis Windstärke 11 in der Drake-Passage überstanden. Seit 2023 gehört sie Mario Czok, der sie in mehreren Wintern für die Fahrt in Norwegen und Spitzbergen hergerichtet hat. Heute fährt sie mit zwölf Passagieren und vier bis sechs Crewmitgliedern.

Was das praktisch bedeutet, zeigt diese Reise an mehreren Stellen. Zwölf Gäste passen in zwei Zodiacs und sind in einer Runde an Land, ohne Gruppeneinteilung. Ein Schiff dieser Größe kann zwischen Eisschollen manövrieren, statt sie zu umfahren. Und wenn eine geplante Anlandung wegen Brandung ausfällt — wie in Fuglehuken am Nordende des Prins Karls Forland —, ist der Kurswechsel in den geschützten Krossfjord eine Entscheidung von Minuten.

Die SV Meander vor Anker am Bohemanneset im Isfjord, im Vordergrund ein Rentier im Schnee
Bohemanneset im Isfjord · Foto: Rolf Stange

Für wen die frühe Saison passt — und für wen nicht

Sie passt, wenn Sie Eis und Schnee sehen wollen statt grüner Tundra, wenn Sie mit Schneeschuhen und tiefem Schnee zurechtkommen, wenn Ihnen Landschaft und Stimmung wichtiger sind als eine lange Artenliste, und wenn Sie Ruhe suchen: Anfang Mai ist außer Ihnen kaum jemand unterwegs.

Sie passt nicht, wenn Sie die Vogelfelsen in voller Besetzung sehen wollen — die füllen sich erst später —, wenn Sie eine Umrundung Spitzbergens planen, die zu dieser Zeit am Eis scheitert, oder wenn die Chance auf einen Eisbären der einzige Grund Ihrer Reise ist. Dafür sind Routen entlang der Packeisgrenze im Juni die bessere Wahl.


Von der Leguan-Redaktion

Häufige Fragen zu Spitzbergen im Frühjahr

Die Angaben stammen aus dem Bordlogbuch dieser Reise vom 30. April bis 9. Mai 2026, geführt von Fahrtleiter Rolf Stange.

Wann ist die beste Reisezeit für Spitzbergen?

Die Saison läuft von Ende April bis September. Juli und August bieten die größte Bandbreite und ermöglichen eine Umrundung. Ende April und Anfang Mai zeigen dagegen eine verschneite Landschaft mit Fjordeis, Juni ist die beste Zeit für Packeis und Eisbären, September für Herbstfarben und Wale.

Was ist das Besondere an Spitzbergen Anfang Mai?

Der Schnee reicht bis ans Wasser, viele Fjorde tragen noch Eis, und die Sonne geht nicht mehr unter. Landgänge finden auf Schneeschuhen statt, und in manchen Fjorden ist das Eis fest genug, um darauf zu gehen.

Sieht man in Spitzbergen im Mai Eisbären?

Möglich ist es zu jeder Zeit der Saison, garantiert nie. Auf dieser Reise wurde kein Eisbär gesichtet, nur ein verwitterter Zahn auf der Hermansenøya gefunden. Die höchsten Chancen bestehen entlang der Packeisgrenze, vor allem im Frühsommer.

Welche Tiere sieht man in Spitzbergen im Frühjahr?

Auf dieser Reise: Walrosse an drei Stellen, mehrfach Polarfüchse — einer lief in wenigen Metern Abstand vorbei —, fast täglich Spitzbergen-Rentiere, dazu Seehunde, Eiderenten und Prachteiderenten, Dickschnabellummen, Eismöwen und Skuas.

Braucht man Schneeschuhe in Spitzbergen?

Anfang Mai ja, für praktisch jeden Landgang. Sie werden an Bord gestellt. Im Hochsommer sind sie nicht nötig.

Wie kalt ist es in Spitzbergen Anfang Mai?

Auf dieser Reise lagen die Morgentemperaturen zwischen +3 °C in Longyearbyen und −5 °C in den südlichen Fjorden.

Was ist der Unterschied zwischen Fjordeis und Gletschereis?

Fjordeis ist gefrorenes Meerwasser des vergangenen Winters. Gletschereis ist über Jahrhunderte verdichteter Schnee, der als Eisberg vom Gletscher abbricht. An der Eiskante treibt beides nebeneinander.

Warum muss man in Ny-Ålesund WLAN ausschalten?

Weil in der Forschungssiedlung mit empfindlichen Messinstrumenten gearbeitet wird. Bluetooth und WLAN müssen an allen Geräten vor der Ankunft ausgeschaltet werden.

Wie groß ist der Lilliehöökbreen?

Seine Gletscherfront ist rund elf Kilometer lang, damit gehört er zu den größten Gletschern Spitzbergens. Die Abbruchkante ragt stellenweise über 40 Meter auf; Schiffe halten 300 bis 500 Meter Abstand.

Wie viele Gäste hat die SV Meander?

Zwölf, dazu vier bis sechs Crewmitglieder. Das Schiff wurde 1946 in Hamburg-Finkenwerder mit eisverstärktem Rumpf gebaut und 1995 zum Segelschiff umgebaut.

Wie lang war diese Reise?

Zehn Tage, 438,7 Seemeilen beziehungsweise 812,5 Kilometer ab und bis Longyearbyen.

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Welche Route und welcher Monat zu Ihnen passen, hängt davon ab, was Sie sehen wollen. Sprechen Sie uns an – wir ordnen das für Sie ein.

◆ Selbst fahren

Mit der SV MEANDER unterwegs

Dasselbe Schiff, drei Zeitfenster — und drei verschiedene Routen: Ende April liegt der Schnee noch bis zur Wasserlinie, im Mai wird mehr befahrbar, im August ist die Umrundung geplant.


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