Spitzbergen im Jahreslauf — mit Expeditionsleiter Christian Engelke
Wer im Mai nach Spitzbergen fährt, sieht eine andere Insel als jemand, der im September kommt. Das ist keine Nuance. Im Mai reicht der Schnee bis ans Wasser, Fjorde tragen noch Eis, und ein großer Teil der Nordküste ist schlicht nicht erreichbar. Im September ist die Tundra rostrot, das Meer im Osten offen — und nachts kann über dem Schiff ein Polarlicht stehen.
Zwischen diesen beiden Enden liegen vier Monate, in denen sich die Bedingungen fast wöchentlich verschieben. Genau darum geht es in diesem Webinar: nicht um eine bestimmte Reise, sondern um die Frage, welche Zeit zu welchem Reisenden passt.
Warum die Reisezeit auf Spitzbergen mehr entscheidet als anderswo
Spitzbergen liegt zwischen dem 74. und 81. Breitengrad. Die Inselgruppe ist damit einer der nördlichsten Orte der Erde, den man ohne Eisbrecher bereisen kann — und der wärmende Ausläufer des Golfstroms sorgt dafür, dass die Westküste im Sommer eisfrei wird, während der Osten noch von Packeis blockiert sein kann.
Daraus folgt etwas Praktisches: Die Route einer Spitzbergen-Reise steht nie im Voraus fest. Sie ergibt sich aus der Eislage der jeweiligen Woche. Eine Reise Anfang Juni und eine Reise Ende Juli können denselben Namen tragen und trotzdem völlig verschiedene Küsten sehen.
Ebenso verschiebt sich das Licht. Die Mitternachtssonne steht vom 20. April bis zum 23. August ununterbrochen über dem Horizont. In dieser Zeit gibt es keine Nacht — Anlandungen um Mitternacht sind möglich, Polarlichter dagegen nicht. Erst wenn Ende August die Dämmerung zurückkehrt, wird der Himmel wieder dunkel genug.
Mai: Winterende, Fjordeis und weiße Berge
Der Mai ist der fotografisch reinste Monat. Schnee liegt bis zur Wasserlinie, die Berge sind weiß statt grau, und das Licht ist klar. Wer Landschaft sucht, kommt jetzt.
Der Preis dafür: Die Nordküste ist meist noch geschlossen. Reisen im Mai bleiben in der Regel an der Westküste, im Isfjord und im Bellsund. Das ist keine Einschränkung des Erlebnisses, aber es ist eine andere Reise als eine Umrundung.
Dafür bietet der Mai etwas, das im Hochsommer fehlt: Festeis in den Fjorden, auf dem Robben liegen und an dessen Kante Vögel und gelegentlich Eisbären jagen. Unsere Reiseberichte aus dieser Zeit zeigen, wie das konkret aussieht — Spitzbergen Anfang Mai und Mitte Mai am Kronebreen.
Juni: die Insel erwacht
Im Juni bricht das Eis in den Fjorden auf, und die Insel füllt sich mit Leben. Die Vogelfelsen sind auf ihrem Höhepunkt: Zehntausende Dickschnabellummen und Krabbentaucher brüten an den Steilwänden, darunter warten Polarfüchse. Die Rentiere haben Anfang des Monats gekalbt.
Gleichzeitig beginnt die kurze Blüte. Der Purpursteinbrech ist die erste Pflanze, die aufmacht — oft noch zwischen Schneeresten.
Der Juni ist zugleich der Monat, in dem die Routen wieder aufgehen. Ob eine Reise Mitte Juni schon bis Nordaustlandet kommt, entscheidet das Eis jener Woche — nicht der Prospekt.
Juli: Hochsommer und die Packeisgrenze
Der Juli ist der wärmste Monat: In Longyearbyen liegen die Mittelwerte bei etwa sechs Grad, an Bord sind einstellige Temperaturen und Wind die Regel. Jetzt wird die Packeisgrenze nördlich der Inselgruppe erreichbar — und damit der Lebensraum, in dem Eisbären tatsächlich jagen.
Das ist der ehrlichste Punkt einer jeden Spitzbergen-Reise: Eisbären lassen sich nicht buchen. Es gibt Reisen mit elf Sichtungen und Reisen mit einer. Was die Zahlen mehrerer Saisons hergeben, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengetragen — Eisbären auf dem Packeis: wie stehen die Chancen wirklich?
Gegen Ende Juli wird in guten Jahren die vollständige Umrundung möglich. Zwei Logbücher derselben Route, ein Jahr auseinander, zeigen die Spannweite: einmal geschafft, einmal nicht.
August: offenes Wasser, Wale und die letzten hellen Nächte
Im August steht die Chance auf eine komplette Umrundung am besten. Der Osten ist in der Regel offen, Hinlopenstreet und Nordaustlandet sind erreichbar. Wer die großen Wale sehen möchte, hat jetzt die besten Karten: Vor der Westküste stehen Blau- und Finnwale an den Planktonfeldern, wo kaltes und warmes Wasser aufeinandertreffen. Warum ausgerechnet dort, haben wir hier erklärt.
Am 23. August geht die Sonne erstmals wieder unter. Von da an bekommt der Himmel abends Farbe — und Ende August sind die ersten Polarlichter möglich.
September: Farbe, Ruhe und die ersten Nordlichter
Der September ist der stillste Monat der Saison. Die meisten Schiffe haben Spitzbergen bereits verlassen, die Tundra färbt sich rot und ocker, und das tiefstehende Licht hält den ganzen Tag. Es wird kühler und windiger — dafür sind die Liegeplätze der Walrosse zuverlässig besetzt, und mit etwas Glück steht nachts ein Polarlicht über dem Fjord.
Wer Ruhe und Farbe der Wärme vorzieht, reist im September. Wer die vollen Vogelfelsen sehen will, muss im Juni kommen — beides zusammen gibt es nicht.
Zwölf Gäste oder fünfzig: die Schiffe machen den Unterschied
Auf Spitzbergen zählt die Schiffsgröße doppelt. Zum einen, weil seit 2022 an den meisten Anlandeplätzen der Schutzgebiete nur noch kleine Gruppen an Land dürfen. Zum anderen, weil ein Schiff mit zwölf Gästen dort ankert, wo ein großes gar nicht erst anfragt.
- MS QUEST — 50 Gäste, Eisklasse A1B, knapp 50 Meter. Das größte der vier Schiffe und damit das günstigste. Mit Vortragsraum und mehr Gemeinschaftsfläche.
- MS STOCKHOLM — 12 Gäste, Eisklasse 1A. Baujahr 1953, klassisch gebaut, mit der stärksten Eisklasse der vier. Kommt weiter ins Eis als die größeren.
- MS SJØVEIEN — 12 Gäste, ehemaliges norwegisches Postschiff von 1964, 2017 umgebaut.
- MS BALTO — 12 Gäste, finnischer Eisklassebau, in den letzten Jahren umfassend überholt.
Ein Schiff für zwölf Gäste ist kein kleineres Kreuzfahrtschiff, sondern eine andere Art zu reisen: ein gemeinsamer Tisch, keine Gruppeneinteilung bei Anlandungen, viel Spielraum, spontan zu bleiben, wenn etwas zu sehen ist. Wie sich das im Detail unterscheidet — und was es kostet —, steht in unserem Überblick Spitzbergen mit kleinen Schiffen.
Wer im Webinar spricht
Christian Engelke zog 2008 für sein Ingenieurstudium nach Longyearbyen und verbrachte dort drei Jahre auf 78 Grad Nord. Anschließend schloss er sein Masterstudium in Tromsø ab; heute lebt er mit seiner Familie auf den Lofoten. Seit 2009 arbeitet er ganzjährig als Guide und Expeditionsleiter, seit 2014 auch in der Antarktis.
Er kennt Spitzbergen entsprechend nicht aus einer Saison, sondern aus allen — zu Fuß, auf Skiern und im Seekajak. Im Webinar zeigt er die Inselgruppe im Jahreslauf: Tierwelt, Eislage, Landschaft und die Geschichte der Walfänger, Trapper und Polarforscher, deren Spuren bis heute an den Küsten liegen.
Wie das Webinar abläuft
Das Webinar findet über Zoom statt und dauert etwa eine Stunde. Sie brauchen nichts weiter als einen Computer, ein Tablet oder ein Telefon. Nach der Anmeldung bekommen Sie eine Bestätigungsmail mit Ihrem persönlichen Zugangslink, dazu eine Erinnerung am Tag vor der Veranstaltung.
Mikrofon und Kamera der Teilnehmenden sind durchgehend ausgeschaltet — Sie sehen und hören nur den Vortrag, andere Zuhörer bekommen von Ihnen nichts mit. Fragen können Sie jederzeit über das Feld „Q&A" stellen; beantwortet werden sie am Ende gesammelt.
Wenn Sie am 12. Oktober keine Zeit haben, melden Sie sich trotzdem an: Wir schicken allen Angemeldeten anschließend die Aufzeichnung.
Häufige Fragen zu Spitzbergen
Wann ist die beste Reisezeit für Spitzbergen?
Das hängt davon ab, was Sie sehen möchten. Für weiße Landschaft und Fjordeis ist der Mai die beste Zeit. Für volle Vogelfelsen und die erste Blüte der Juni. Für das Packeis im Norden und die wärmsten Tage der Juli. Für eine vollständige Umrundung und die großen Wale der August. Für Herbstfarben, Ruhe und die ersten Polarlichter der September. Eine „beste" Zeit im Allgemeinen gibt es nicht — nur eine, die zu Ihren Erwartungen passt.
Ab wann ist eine Spitzbergen-Umrundung möglich?
In der Regel ab Ende Juli, verlässlicher im August. Entscheidend ist, ob das Packeis im Osten und die Hinlopenstraße offen sind. Das ist von Jahr zu Jahr verschieden: Dieselbe Route kann in einer Saison gelingen und in der nächsten scheitern. Reisen, die eine Umrundung anbieten, tun dies immer unter Vorbehalt der Eislage.
Wie stehen die Chancen, einen Eisbären zu sehen?
Auf Reisen, die bis an die Packeisgrenze fahren, sind Sichtungen häufig, aber nie garantiert. Die Bandbreite ist groß: Von Reisen mit elf Bären in zehn Tagen bis zu Reisen mit einer einzigen Sichtung aus großer Entfernung ist alles möglich. Wer mit der Erwartung fährt, Eisbären zu sehen, sollte eine Route im Norden oder eine Umrundung wählen — und trotzdem einplanen, dass es anders kommen kann.
Wie kalt wird es auf Spitzbergen im Sommer?
In Longyearbyen liegen die Julimittel bei etwa sechs Grad. An Bord und auf dem Wasser ist es durch den Wind deutlich kälter; im Mai und September sind Temperaturen um den Gefrierpunkt normal. Entscheidend ist nicht die Temperatur, sondern winddichte Kleidung in mehreren Lagen.
Wann scheint die Mitternachtssonne?
Vom 20. April bis zum 23. August geht die Sonne auf Spitzbergen nicht unter. In dieser Zeit gibt es keine Dunkelheit und damit auch keine Polarlichter. Wer Nordlichter sehen möchte, muss ab Ende August reisen.
Muss ich Englisch sprechen?
Auf den meisten Abfahrten ist die Bordsprache Englisch. Es gibt einzelne Termine mit deutschsprachiger Begleitung — bei diesen ist das ausdrücklich ausgewiesen. Wir sagen Ihnen vorab, welche Abfahrt welche Sprache führt; fragen Sie uns einfach.
Was kostet eine Spitzbergen-Reise mit einem kleinen Schiff?
Für die Saison 2027 liegen die Preise zwischen rund 7.000 Euro pro Person auf der MS QUEST und etwa 12.800 Euro auf den Schiffen für zwölf Gäste — jeweils inklusive Flügen ab Deutschland, Österreich oder der Schweiz, Hotelübernachtungen und Transfers.
Die Reisen, um die es geht
Alle folgenden Abfahrten sind für 2027 buchbar. Preise pro Person inklusive An- und Abreise ab Deutschland, Österreich oder der Schweiz.
Frühjahr — Schnee bis zum Wasser
- MS QUEST · 8.–18. Mai 2027 — von den Lofoten über die Bäreninsel nach Spitzbergen, 11 Tage, ab 7.040 €
- MS STOCKHOLM · 11.–21. Mai 2027 — 12 Gäste, 11 Tage, ab 10.040 €
- MS QUEST · 16. oder 23. Mai 2027 — Spitzbergen im Frühling, 11 Tage, ab 7.040 €
- MS QUEST · 30. Mai – 9. Juni 2027 — Fjorde, Eis und Vogelkolonien, 11 Tage, ab 7.640 €
Frühsommer — die Insel erwacht
- MS QUEST · 6.–16. Juni 2027 — mit deutschsprachiger Begleitung, 11 Tage, ab 7.240 €
- MS SJØVEIEN · 14.–24. Juni 2027 — 12 Gäste, 11 Tage, ab 10.040 €
- MS BALTO · 21. Juni – 4. Juli 2027 — ins Packeis, 14 Tage, ab 12.440 €
- MS QUEST · 20. Juni – 3. Juli 2027 — Spitzbergen und das Packeis, ab 9.240 €
Hochsommer — Packeis und Umrundungen
- MS BALTO · 1.–14. Juli 2027 — 12 Gäste, 14 Tage, ab 12.440 €
- MS STOCKHOLM · 5. oder 15. Juli 2027 — 12 Gäste, 12 Tage, ab 12.840 €
- MS SJØVEIEN · 11., 21. oder 31. Juli 2027 — 12 Gäste, 14 Tage, ab 12.440 €
- MS QUEST · 9. oder 19. Juli 2027 — Spitzbergen und das Packeis, ab 9.240 €
Spätsommer und Herbst
- MS BALTO · 31. Juli – 13. August 2027 — 12 Gäste, 14 Tage, ab 12.440 €
- MS QUEST · 18.–31. August 2027 — im Reich der Eisbären, 14 Tage, ab 9.240 €
- MS STOCKHOLM · 1., 11. oder 21. September 2027 — Herbstfarben und erste Nordlichter, 12 Tage, ab 11.640 €
Welche dieser Reisen zu Ihnen passt, hängt weniger vom Schiff ab als von der Frage, was Sie sehen möchten — und wie viel Unplanbarkeit Sie mitbringen. Genau dabei hilft das Webinar. Danach sprechen wir gern in Ruhe darüber: schreiben Sie uns oder rufen Sie an.