Mitte Mai steht Spitzbergen zwischen zwei Jahreszeiten. In den meisten Fjorden ist das Wintereis schon weg, in einigen liegt es noch fest genug, um darauf zu stehen. Die ersten Blüten kommen, die Walrosse sind da, die Sonne geht nicht mehr unter. Neun Tage auf einem Schoner mit zwölf Gästen — was diese Wochen im Mai von Juli und August unterscheidet.
Was macht Mitte Mai in Spitzbergen anders?
Die Spitzbergen-Saison hat drei Phasen, und sie werden oft in einen Topf geworfen. Ende April bis Anfang Mai liegt der Schnee noch bis zur Wasserlinie, viele Fjorde sind geschlossen. Ab Juni öffnet sich die Landschaft, die Vogelfelsen füllen sich, im Juli und August wird eine Umrundung der Inselgruppe möglich.
Mitte Mai liegt dazwischen — und genau das ist der Reiz. Der Schnee zieht sich zurück, aber er ist noch da. Das Fjordeis ist auf wenige Buchten zusammengeschmolzen, aber es ist noch begehbar. Es blüht das Erste, und es liegt noch das Letzte.
Die SV Meander, ein traditioneller Schoner für zwölf Gäste, lief am 17. Mai 2026 in Longyearbyen aus und kehrte am 25. Mai zurück. An Bord: Expeditionsleiterin Birgit Lutz, der Gletscherforscher Andreas Alexander als Guide, Kapitän Serge und seine Crew. Dieser Bericht folgt dem Bordlogbuch dieser Reise.
Die Walrosse von Poolepynten
Der erste Landgang führte auf die Landzunge Poolepynten am Prins Karls Forland — der bekannteste Walrossplatz Westspitzbergens. Am 19. Mai lagen Landzunge und Lagune noch tief verschneit und vereist da.
Die Gruppe war noch nicht bei den liegenden Tieren angekommen, als drei Walrosse aus dem Wasser auf sie zuschwammen. Sie kamen bis dicht ans Ufer, schauten, tauchten prustend ab und wieder auf. Irgendwann war der Eindruck, im Weg zu stehen, und die Gruppe zog sich zurück.
Eine Zahl, die den Rest des Vormittags erklärt: Ein Walross nimmt auf seinen Tauchgängen bis zu 70 Kilogramm Sandklaffmuscheln auf. Was an der Liegestelle an Geräuschen und Gerüchen entsteht, ist die Verdauung dieser Menge. Auf dem Rückweg zur Landestelle kam noch eine Sattelrobbe dazu — eine seltenere Sichtung als das Walross.
Wo sieht man in Spitzbergen Walrosse?
Poolepynten am Prins Karls Forland ist der Platz, den fast jede Westspitzbergen-Reise anläuft. Es ist eine Liegestelle, kein Zoo: Die Tiere sind meist da, aber nicht immer. Auf dieser Reise waren sie da — und kamen von sich aus näher, als man es erwarten würde.
Wo im Mai noch Fjordeis liegt
Es sind wenige Stellen, und sie stehen nicht im Programm — sie stehen auf der Eiskarte, die jeden Morgen neu gelesen wird.
Am Nachmittag des 19. Mai fuhr die Meander in den St. Jonsfjord, weil dort laut Eiskarte noch Meereis lag. Vor dem Osbornebreen stand tatsächlich noch festes Fjordeis, an den Rändern aufgebrochen. Zweimal fuhr das Schiff die Kante entlang, bei Regen und Wind. Auf dem Eis lagen weder Robben noch Bären.
Am vorletzten Tag, dem 24. Mai, wiederholte sich das im Ekmanfjord — diesmal mit einem Ergebnis. Der geplante Landgang auf Coraholmen wurde gestrichen: Das Fjordeis endete direkt an einer sehr unübersichtlichen Insel, und zwischen den Hügeln kann ein Eisbär liegen, den man erst sieht, wenn man vor ihm steht. Also nicht.
Stattdessen wurde das Eis selbst zum Ziel. Birgit Lutz und Andreas Alexander fuhren voraus und prüften mit Sprüngen und Tritten, ob es trägt. Es trug. In zwei Gruppen setzten alle aufs Meereis über und standen darauf.
Im anschließenden Dicksonfjord war das Eis schon zu dünn zum Betreten, dafür in Schollen aufgebrochen. Das Schiff schob sie beiseite. Dann schaltete der Kapitän den Motor ab, die Generatoren, alles — und die Meander trieb eine Weile lautlos zwischen den Schollen.
Kann man in Spitzbergen auf dem Meereis laufen?
Im Mai in einzelnen Fjorden ja, im Hochsommer nicht mehr. Ob es an einem bestimmten Tag geht, entscheidet sich vor Ort: Die Expeditionsleitung prüft die Tragfähigkeit selbst, bevor Gäste übersetzen. Auf dieser Reise ging es am 24. Mai im Ekmanfjord — im Dicksonfjord, wenige Stunden später, war das Eis dafür schon zu dünn.
Gletscher: Dahlbreen und die Kalbung am Kronebreen
Am 20. Mai ging es am Dahlbreen an Land, genauer: auf die Moränenlandschaft, die der zurückweichende Gletscher in den letzten Jahrzehnten hinterlassen hat. Junges Gelände, entsprechend matschig. Vom Kamm aus sah die Gruppe in die Gletscherlagune hinunter, in der das Wasser noch aufgewühlt war — zwei große Kalbungen waren gerade passiert. Verpasst, um Minuten. Die Gletscherfront davor ist etwa 40 Meter hoch.
Zwei Tage später wurde nachgeliefert. Am 22. Mai fuhren die Zodiacs am Ende des Kongsfjords an den Kronebreen heran, durch immer dichteres Eis. Andreas Alexander erklärte gerade, dass die Front, die den Kronebreen noch mit dem Kongsvegen verbindet, nach diesem Sommer weg sein wird — da krachte es. Erst kleine Stücke, dann größere, schließlich häusergroße Türme, die umfielen und eine Welle warfen. Die Boote drehten ab in ruhigeres Wasser.
Ein Detail aus dem Logbuch, das nicht nach Reisebericht klingt und trotzdem eines ist: Schon am Abend des 21. Mai lag im Kongsfjord so viel Gletschereis, dass die Meander nur noch im Schritttempo fahren konnte. Für Mai ist das ungewöhnlich — so früh im Jahr bricht normalerweise noch nicht so viel von den Gletscherkanten ab.
Warum trügt die Größe von Gletschern?
Weil die Luft in der Arktis sehr sauber ist und Vergleichsgrößen fehlen. Eine Gletscherfront, die zum Greifen nah aussieht, ist oft noch kilometerweit entfernt. Auf der Zodiac-Fahrt zum Kronebreen lagen sämtliche Schätzungen der Gruppe daneben — nach unten.
Ny-Ålesund: hundert Jahre nach dem Aufbruch der Norge
Am Abend des 20. Mai erreichte die Meander Ny-Ålesund, die nördlichste ganzjährig bewohnte Siedlung der Welt und heute ein internationales Forscherdorf.
Am Morgen des 21. Mai schwamm vom Steg aus ein Beluga vorbei, kurz darauf zwei Zwergwale. Danach ging es zum Amundsen-Mast — dem Ankermast, an dem 1926 das Luftschiff Norge lag. Amundsen und Nobile brachen von hier am 11. Mai 1926 auf, um den Nordpol zu überfliegen. Die Gruppe stand also hundert Jahre und zehn Tage später davor.
Birgit Lutz hatte am Vortag über diese Geschichte erzählt: über Amundsens gescheiterten ersten Versuch 1925, als sechs Männer drei Wochen lang mit 400 Kalorien am Tag eine Startbahn ins Eis pickelten. Über die erfolgreiche Fahrt der Norge 1926 über den Pol bis nach Alaska. Und über Nobiles Absturz mit der Italia 1928.
Ny-London: die Marmormine, die keine war
Am Nachmittag des 21. Mai ging es auf die Blomstrandhalvøya nach Ny-London. Ernest Mansfield errichtete hier 1906 eine Marmorminensiedlung; bis zu 70 Menschen lebten einige Jahre dort. Der Abbau funktionierte — nur zerbröselte der Marmor schon auf dem Transport. Er war minderwertig. Übrig sind die Gebäudereste.
Der Rest des Nachmittags gehörte den Vögeln. Schneehühner am Hang, Krabbentaucher unter der Klippenkante, und ein Sterntaucher, der auf einem See jämmerlich nach seiner Partnerin rief — und sie auf dem Rückweg gefunden hatte.
Was im Mai lebt und was noch fehlt
Die Bilanz aus neun Tagen, so wie sie im Logbuch steht: Walrosse, eine Sattelrobbe, Seehunde, Bartrobben, ein Beluga, Zwergwale, Rentiere, Polarfüchse — einer noch im weißen Winterkleid —, Schneehühner, Krabbentaucher, Weißwangengänse, Eisenten, Sterntaucher, Dreizehenmöwen am Vogelfelsen.
Dazu ein Vogel, der hier nicht hingehört: ein Seidenschwanz, der sich nach Spitzbergen verflogen hatte. Er ernährt sich von Beeren und wird hier keine Zukunft haben. Erst zwanzigmal ist die Art in Spitzbergen überhaupt gesichtet worden.
Sieht man auf einer Spitzbergen-Reise im Mai Eisbären?
Auf dieser Reise nicht. Es gab Spuren, und am Alkhornet gab es mehr als Spuren: einen zerteilten Rentierkadaver, Haare — und sehr viel Eisbärenkot. Ein Bär hatte dort kurz zuvor gefressen. Gesehen hat ihn niemand.
Am 24. Mai wurde eigens danach gesucht: Alle standen mit Ferngläsern an Deck und suchten die Eiskanten ab, auf denen viele Robben lagen. Es blieb bei den Robben.
Das ist der ehrliche Stand: Eine Eisbärensichtung ist auf keiner Spitzbergen-Reise garantiert. Wer mit dieser Erwartung bucht, sollte sie kennen. Wer mit ihr fährt, verpasst leicht, was sonst passiert.
Ein Nachtrag zum Eisbärenkot, der zeigt, wie eine solche Reise nebenbei funktioniert: Birgit Lutz hat einiges davon eingepackt. Es wird am Alfred-Wegener-Institut auf Mikroplastik untersucht.
Alkhornet und Colesbukta: zwei Isfjord-Tage
Der 23. Mai war der Tag mit den meisten Tieren. Am Alkhornet, dem markanten Berg an der Isfjord-Mündung, näherte sich die Wandergruppe langsam mehreren Rentieren, die sehr nahe herankamen. In der Ferne ein Fuchs, am Vogelfelsen die ersten Dreizehenmöwen.
Am Nachmittag Colesbukta, die verlassene russische Verladestation. Hierher kam bis in die Sechzigerjahre die Kohle aus dem acht Kilometer entfernten Grumantbyen, mit elektrifizierten Zügen, und wurde auf Schiffe geladen. Geblieben sind rostige Reste, zwei große Holzpiere, die man nicht mehr betreten mag, und mehrere Gebäude.
An einem davon wehen inzwischen wieder zwei Fahnen, und ein Schild sagt „Administration Colesbay". Russland möchte den Ort reaktivieren — aus geopolitischen Gründen.
Der letzte Tag: Segel, Stille und ein Sprung ins Wasser
Nach den Eiskanten von Ekman- und Dicksonfjord setzte die Crew am 24. Mai im Nordfjord die Segel. Der Motor ging aus. Weil der Wind schwach blieb und das Schiff kaum Fahrt machte, ließ sich beides tun, was sonst nicht geht: mit dem Zodiac um das segelnde Schiff herumfahren — und, am Tau gesichert, daneben schwimmen.
Die Route
Neun Tage, ab und bis Longyearbyen:
- 17. Mai — Anreise, Longyearbyen. 3 °C, Nebel. Zufällig auch der norwegische Nationalfeiertag.
- 18. Mai — Einschiffung, Ausfahrt aus dem Isfjord, nördlich durch den Forlandsundet.
- 19. Mai — Poolepynten (Walrosse), St. Jonsfjord (Eiskante), Gjertsenodden (Wanderung, erste Steinbrech-Blüten).
- 20. Mai — Dahlbreen (Moräne, 40-Meter-Front), abends Ny-Ålesund.
- 21. Mai — Ny-Ålesund (Beluga, Zwergwale, Amundsen-Mast), Ny-London.
- 22. Mai — Kronebreen (Zodiac-Cruise, große Kalbung), Camp Zoe im Krossfjord.
- 23. Mai — Alkhornet (Rentiere, Fuchs, Eisbärenspuren), Colesbukta.
- 24. Mai — Ekmanfjord (Eislandung), Dicksonfjord (Schollen), Nordfjord unter Segeln.
- 25. Mai — Longyearbyen, Ausschiffung. 7 °C.
Für wen diese Reise passt — und für wen nicht
Zwölf Gäste auf einem Segelschiff heißt: keine feste Tagesordnung, keine Gruppenteilung nach Nummern, kein Programm, das gegen das Wetter durchgezogen wird. Der Plan wurde auf dieser Reise mehrfach geändert, weil sich etwas Besseres anbot oder etwas Geplantes nicht verantwortbar war.
Es heißt auch: Wandern durch teils hüfthohen Schnee, Übersetzen mit dem Zodiac bei Wind und Regen, waten beim An- und Ablanden. Auf jeder Anlandung teilte sich die Gruppe in eine längere und eine kürzere Variante — beide Tempi gab es also, aber trocken und bequem war keines.
Wer eine planbare Route mit garantierten Höhepunkten sucht, ist auf einem größeren Schiff besser aufgehoben. Wer wissen will, wie Spitzbergen im Mai wirklich aussieht, bekommt es hier ungefiltert.
Was gehört auf eine Spitzbergen-Reise im Mai in den Koffer?
Dasselbe wie im Hochsommer, nur konsequenter: wasserdichte Gummistiefel für nasse Anlandungen, wind- und wasserdichte Oberbekleidung, warme Schichten darunter. Die Temperaturen lagen auf dieser Reise zwischen 3 und 7 °C — entscheidend ist nicht die Zahl, sondern Wind und Nässe. Ausführlich in unserer Packliste für Spitzbergen.
Weiterlesen
- Die beste Reisezeit für Spitzbergen – welcher Monat wofür, von Mai bis September.
- Eisbären auf Spitzbergen: Regeln und Sicherheit – was außerhalb der Siedlungen gilt und warum ein Landgang auch mal abgesagt wird.
- Anreise nach Longyearbyen – Flüge über Oslo und Tromsø, und warum man einen Tag früher anreisen sollte.
- Spitzbergen mit kleinen Schiffen – warum die Gästezahl über die Zahl der Anlandungen entscheidet.
- Das Walross · Der Eisbär · Der Polarfuchs
Welcher Monat zu Ihnen passt, hängt davon ab, was Sie sehen wollen. Sprechen Sie uns an — wir ordnen das für Sie ein.
Text und Bilder dieses Beitrags stammen aus dem Bordlogbuch der Reise vom 17. bis 25. Mai 2026. Das Logbuch führte Birgit Lutz; die Fotos darin stammen von Birgit Lutz, Roman Schönenberger und Andreas Alexander. Welches Bild von wem ist, hält das Logbuch nicht fest — deshalb steht an den einzelnen Bildern kein Name.


