Auf 79° 47′ Nord steht eine kleine Hütte an einem grauen Kiesstrand. Dort überwinterte 1934 eine Wienerin und schrieb danach das bekannteste deutschsprachige Buch über die Polarnacht. Die Hütte gehört zu den Orten, die man auf einer Spitzbergen-Umrundung erreicht und sonst nie — genau wie eine Gezeitenpassage, die nur in einem schmalen Zeitfenster befahrbar ist, eine 160 Kilometer lange Eiswand und eine Insel, die selbst Umrundungen meist auslassen.
Gråhuken: die Hütte von Christiane Ritter
1934 folgte Christiane Ritter ihrem Mann nach Spitzbergen und verbrachte ein Jahr in einer Fangsthütte am Gråhuken im Norden der Insel. Ihr Bericht „Eine Frau erlebt die Polarnacht" erschien 1938 und ist bis heute das meistgelesene deutschsprachige Buch über die Arktis — in einer Zeit, in der Frauen in Polarberichten praktisch nicht vorkamen.
Die Hütte steht noch. Sie liegt an einer flachen, windoffenen Landzunge auf 79° 47′ Nord, ohne Berg im Rücken, ohne Schutz, ohne Aussicht außer Meer und Geröll. Wer davorsteht, liest das Buch danach anders: Es ist kein romantischer Ort. Es ist eine Holzkiste in einer Ebene aus Steinen, und im Winter ist sie vier Monate lang dunkel.
Erreichbar ist sie nur von See und nur bei ruhigem Wetter — die Anlandung liegt völlig offen zur Nordsee hin, es gibt keine geschützte Bucht. Von drei Umrundungen im Sommer 2023 kamen zwei dorthin; die dritte musste wegen Wellengang vorbeifahren.
Sie ist nicht die einzige ihrer Art. Die Nordküste ist übersät mit Hütten aus der Zeit der Überwinterungsfänger — Texas Bar am Woodfjord, Mushamna, Villa Oxford. Die meisten sind heute geschützte Kulturdenkmäler; betreten darf man sie nicht, alles über 1946 steht unter Denkmalschutz.
Hopen: die Insel, die kaum jemand sieht
Hopen liegt weit im Südosten des Archipels, rund 100 Kilometer von der nächsten größeren Insel entfernt — weitab der normalen Umrundungsroute. Von drei Umrundungen im Sommer 2023 erreichte sie nur eine: die späteste, Ende August, als das Meer ringsum eisfrei war.
Die Insel ist ein schmaler, 33 Kilometer langer Streifen mit steilen Hängen und fast ohne flaches Land. Am Koefoedodden im Südosten liegt die Rudihytta, benannt nach Henry Rudi, der hier 1908 überwinterte und später als „Eisbärkönig" bekannt wurde. Unterhalb der Hänge wächst eine überraschend grüne Tundra, überall Löffelkraut — genau das Kraut, mit dem Überwinterer früher den Skorbut bekämpften.
Am Nordende steht die norwegische Wetterstation Hopen Meteo, besetzt von einer Handvoll Menschen, die jeweils ein Jahr bleiben. Sie unterhalten traditionell einen Nacktbadeklub, in den Besucher aufgenommen werden können — mitsamt Urkunde, bei Wassertemperaturen um zwei Grad.
Hopen ist zudem ein Ort mit hoher Eisbärendichte: Die Insel liegt im Winter mitten im Packeisgürtel, und ein Teil der Bären bleibt auch im Sommer, wenn das Eis abzieht. Das ist zugleich der Grund, warum Landgänge hier besonders sorgfältig abgesichert werden.
Heleysund: eine Passage mit Zeitfenster
Zwischen Spitzbergen und Barentsøya führt eine schmale Rinne, durch die zweimal täglich das halbe Meer strömt. Der Heleysund ist nur bei Stauwasser befahrbar — in den Stunden dazwischen laufen dort Strömungen, gegen die ein kleines Schiff schlicht nicht ankommt, mit Strudeln und stehenden Wellen.
Zwei der drei Umrundungen nutzten ihn. Das spart gegenüber dem Weg außen um Nordaustlandet einen ganzen Tag — und ist einer der Gründe, warum die Route eines Tages nicht am Abend zuvor feststeht, sondern von der Tide abhängt. Wer um 04:30 Uhr das Fenster hat, fährt um 04:30 Uhr.
Bråsvellbreen: 160 Kilometer Eisfront
An der Südseite von Nordaustlandet zieht sich die Front der Eiskappe Austfonna über rund 160 Kilometer ununterbrochen hin — die längste Gletscherfront der Nordhalbkugel. Die Eiskappe selbst ist nach dem grönländischen Eisschild die zweitgrößte der nördlichen Hemisphäre.
Im Sommer stürzen Schmelzwasserfälle über die Kante ins Meer, teils dutzendweise nebeneinander. Alle drei Umrundungen fuhren daran entlang. Es ist einer der wenigen Orte, an denen die Größe des Eises begreifbar wird, weil sie nicht endet: Man fährt eine Stunde, und die Wand ist immer noch da. Dann fährt man noch eine Stunde.
Alkefjellet: 100 Meter Basalt voller Vögel
In der Hinlopenstraße stehen Klippen aus bis zu 100 Meter hohen Basaltsäulen, auf deren Simsen zehntausende Dickschnabellummen brüten. Die Vögel legen ihr Ei auf den nackten Fels; es ist birnenförmig, damit es im Kreis rollt statt über die Kante.
Am Fuß der Wand patrouillieren Polarfüchse und sammeln ein, was herunterfällt — Eier, Küken, verunglückte Alttiere. Wer Polarfüchse sehen will, schaut also nicht in die Tundra, sondern unter die Vogelwand.
Zwei der drei Umrundungen hielten dort — beide im Juli. Die Reise Ende August ließ Alkefjellet aus: Die Lummen haben die Klippen dann längst verlassen, die Küken sind bereits im Juli ins Wasser gesprungen, bevor sie fliegen können. Wer die Vogelklippen sehen will, muss früh in der Saison fahren.
Murchisonfjord und Kinnvika
Im Norden von Nordaustlandet liegt der Murchisonfjord, und darin die verlassene Station Kinnvika, 1957 für das Internationale Geophysikalische Jahr von schwedischen, finnischen und Schweizer Forschern gebaut und wenige Jahre später aufgegeben. Die Gebäude stehen noch, mitsamt Inventar — Betten, Regale, Bücher, Instrumente.
Hier liegt auch der nördlichste Punkt der meisten Umrundungen. Von den drei Reisen des Sommers 2023 kamen sie auf 80° 01′, 80° 21′ und 80° 29′ Nord — abhängig allein davon, wie weit das Eis das Vordringen erlaubte.
Der Süden: Hornsund und Sørkapp
Der Hornsund ganz im Süden wird auf jeder Umrundung angelaufen, weil er auf dem Weg liegt. Er ist der gletscherreichste Fjord Spitzbergens, mit Fronten, die direkt ins Wasser kalben, und einer polnischen Forschungsstation, die seit 1957 ganzjährig besetzt ist. Die Berge dort sind spitzer und steiler als im Norden — die Landschaft wirkt alpiner.
Weiter östlich liegen der Storfjord und das Südkap, der Sørkapp — beides Abschnitte, auf denen häufig Nebel liegt und auf denen wenig passiert. Auch das gehört zu einer Umrundung ehrlicherweise dazu: Es gibt Tage, an denen man fährt. Auf einer Zehn- bis Vierzehntagesreise sind das zwei bis drei.
Was man für diese Orte braucht
- Zeit. Mindestens zehn Tage, besser vierzehn. Kürzere Reisen decken die Westküste ab, nicht den Osten.
- Ein kleines Schiff. Der Heleysund und die flachen Anlandungen im Norden sind nichts für große Einheiten.
- Späte Saison, wenn Sie weit wollen. Der nördlichste Punkt und Hopen gelangen der Reise Ende August.
- Frühe Saison, wenn Sie Vögel wollen. Alkefjellet lohnt nur bis etwa Ende Juli.
- Gelassenheit. Welche dieser Orte Sie sehen, entscheidet das Eis — nicht der Prospekt.
Ein Hinweis zur Erwartung: Seit 2025 dürfen Schiffe in den Schutzgebieten nur noch 43 vorab gebuchte Landeplätze anlaufen. Die grobe Route bleibt möglich, das freie Ansteuern eigener Stellen entfällt. Was vom Schiff aus geschieht — Bråsvellbreen, Alkefjellet, Heleysund, die Eiskante — ist davon nicht betroffen.
Preise, Termine und Schiffe
Die drei Umrundungen von 2023 fuhr die MS Cape Race mit zwölf Gästen; sie ist inzwischen nicht mehr in Spitzbergen unterwegs, sondern in Grönland. Buchbar sind derzeit diese Umrundungen:
| Reise | Dauer | Abfahrt | Preis ab |
|---|---|---|---|
| Spitzbergen Umrundung inkl. Nordaustlandet | 10 Tage | 17.08.2026 | 5.450 € |
| Spitzbergen Umrundung inkl. Nordaustlandet | 10 Tage | 26.08.2026 | 5.450 € |
| Rundum Spitzbergen – im Reich der Eisbären | 10 Tage | 29.06.2027 | 5.700 € |
| Rundum Spitzbergen – im Reich der Eisbären | 10 Tage | 06.07.2027 | 5.700 € |
| Rundum Spitzbergen – im Reich der Eisbären | 10 Tage | 15.07.2027 | 5.700 € |
Eine Umrundung kostet damit zwischen 5.450 und 5.700 Euro für zehn Tage. Auf sehr kleinen Schiffen mit rund zwölf Gästen liegen die Preise höher, dafür ist die Reise länger: MS Sjøveien ab 9.740 € (11–14 Tage), MS Stockholm ab 10.040 € (11–12 Tage), MS Balto ab 12.440 € (14 Tage).
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Welche dieser Orte auf Ihrer Route liegen könnten, sagen wir Ihnen vorher — sprechen Sie uns an.
Grundlage sind die Bordaufzeichnungen dreier Umrundungen der MS Cape Race im Sommer 2023: 9.–24. Juli und 24. Juli–8. August unter Expeditionsleiter Andreas Umbreit, 23. August–7. September unter Expeditionsleiterin Birgit Lutz. Fotos: Andreas Umbreit und Birgit Lutz. Preise und Termine Stand August 2026, Änderungen vorbehalten.