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78° Süd: Weddellmeer und Vahsel-Bucht mit der MS Ortelius

Minus 17,5 Grad, Packeis in alle Richtungen, und der Punkt, den Shackleton nie erreichte. Warum das Weddellmeer der schwierigste Teil der Antarktis ist — und für wen sich das lohnt.

Lesezeit 13 Minuten
Thema Reiseberichte

Am 26. Februar 2025 stand ein Expeditionsschiff auf 78° 03′ Süd — bei minus 17,5 Grad, umgeben von Packeis. Die Vahsel-Bucht ist der südlichste erreichbare Punkt des Weddellmeers und das Ziel, das Shackleton 1915 nie erreichte. Die meisten Antarktisreisen kommen nicht einmal in die Nähe. Warum das so ist, was dort anders läuft als auf der Halbinsel — und was so eine Reise kostet.

Warum das Weddellmeer der schwierigste Teil der Antarktis ist

Die meisten Antarktisreisen führen über die Drake-Passage an die Westseite der Antarktischen Halbinsel. Dort ist das Meer im Südsommer weitgehend eisfrei, Anlandungen sind planbar, die Route steht.

Das Weddellmeer liegt auf der anderen Seite und funktioniert anders. Es ist der eisreichste Teil des Südpolarmeers: Eine im Uhrzeigersinn laufende Strömung, der Weddell-Wirbel, hält das Packeis in der Bucht und liefert ständig neues nach. Was im Sommer aufbricht, kann innerhalb von Tagen wieder zusammenschieben.

Für eine Reise heißt das: Wie weit ein Schiff nach Süden kommt, entscheidet nicht der Fahrplan, sondern die Eisverteilung des jeweiligen Jahres. Zwei identisch gebuchte Reisen können einige hundert Seemeilen auseinanderliegen.

Bug der MS Ortelius im dichten Packeis des Weddellmeers
Fahrt im Packeis. Das Schiff sucht Rinnen; wo keine sind, bricht es sich langsam durch. Foto: Oceanwide Expeditions

78° Süd: die Vahsel-Bucht und Shackleton

Die Vahsel-Bucht am Südrand des Weddellmeers war der geplante Ausgangspunkt für Ernest Shackletons Durchquerung des Kontinents 1914/15. Sein Schiff, die Endurance, kam nie dort an: Es wurde im Packeis eingeschlossen, driftete zehn Monate und sank.

Wer die Bucht heute erreicht, steht an dem Punkt, an dem eine der bekanntesten Expeditionsgeschichten hätte beginnen sollen. Erreichbar ist sie nur in Jahren mit günstiger Eislage — die Anfahrt führt durch mehrere hundert Seemeilen Packeis.

Die Überquerung des 78. Breitengrads ist der Moment, auf den solche Reisen zulaufen. Zur Einordnung: Völkerrechtlich beginnt die Antarktis bei 60° Süd, die bekannte Antarktische Halbinsel liegt bei etwa 64°. Die Vahsel-Bucht liegt gut 1.500 Kilometer weiter südlich — und nur rund 1.300 Kilometer vom Südpol entfernt.

Wie schmal das Fenster ist, zeigt eine Zahl aus der Saison 2024/25: 78° 05,5′ Süd war der südlichste Breitengrad, den in jenem Südsommer überhaupt ein Passagier-Expeditionsschiff erreichte — und es war zugleich das zweite Jahr in Folge, in dem dieser eigene Rekord fiel. In anderen Jahren endet die Fahrt Hunderte Seemeilen weiter nördlich.

MS Ortelius im Meereis des südlichen Weddellmeers
Weiter südlich als hier kommt kein Schiff im Weddellmeer. Foto: Sara Jenner

Was eine Fahrt im Packeis bedeutet

Eine Reise im Weddellmeer besteht zu großen Teilen aus Fahrt. Nicht aus Seetagen im üblichen Sinn — das Schiff bewegt sich durch Eis, und das ist Beschäftigung genug für alle an Deck. Aber Anlandungen im gewohnten Sinn gibt es kaum: keine Kolonien am Strand, keine Stationen, keine Häfen.

Stattdessen gibt es etwas, das die Halbinsel nicht bietet: Eislandungen. Wo eine Scholle groß und stabil genug ist, prüft das Expeditionsteam die Dicke und lässt Gäste darauf gehen. Man steht dann auf gefrorenem Meer, mit mehreren tausend Metern Wasser darunter.

Gäste stehen auf einer Meereisscholle im Weddellmeer, dahinter die MS Ortelius
Eislandung: Die Scholle wird vorher auf Dicke und Stabilität geprüft. Foto: Jess Owen

Temperaturen um minus 17 Grad sind im Südsommer normal — auf der Halbinsel liegt man um den Gefrierpunkt. Das ist der spürbarste Unterschied für Gäste, und er betrifft vor allem die Ausrüstung.

Warum manche Schiffe Hubschrauber haben

Ein Schiff, das im Packeis feststeckt, kommt nicht weiter — aber ein Hubschrauber schon. Deshalb führen einzelne Expeditionsschiffe zwei Maschinen mit, und im Weddellmeer sind sie der Grund, warum Ziele überhaupt erreichbar werden.

Praktisch bedeutet das: Wo das Eis zu dicht wird, werden Gruppen ausgeflogen — zu einer Kaiserpinguin-Kolonie, über die Eisfläche, an einen Punkt, den das Schiff nicht anlaufen kann. Flüge hängen vollständig vom Wetter ab; Nebel und Wind setzen sie aus, und das kommt häufig vor.

Hubschrauber im Anflug neben dem Windsack der MS Ortelius in der Antarktis
Der Windsack entscheidet mit: Flüge im Weddellmeer fallen häufiger aus, als sie stattfinden. Foto: Oceanwide Expeditions

Für die Buchung heißt das: Ein Hubschrauber an Bord ist eine Möglichkeit, keine Zusage. Reisen, die damit werben, sollten das auch so formulieren.

Und wenn sie nicht fliegen?

Dann entsteht manchmal etwas Besseres. Auf einer Reise im Februar 2025 legten Kapitän und Expeditionsleitung das Schiff längsseits an stabiles Meereis, fuhren die Gangway aus und ließen die Gäste einen ganzen Vormittag darauf spazieren gehen — nachdem das Team die Fläche vorher abgesichert hatte.

Was sich in diesen Stunden zeigte: mehrere Krabbenfresserrobben auf dem Eis, ein neugieriger Kaiserpinguin, der von sich aus näher kam, einige Adeliepinguine, ein Schneesturmvogel und eine Südpolarskua. Wer ans Weddellmeer fährt, fährt für solche Vormittage, nicht für ein festes Programm.

Wie kalt es tatsächlich ist

Milder, als die Lage vermuten lässt, aber konstant unter null. Gemessene Werte einer Februarreise, jeweils um 09:00 Uhr:

OrtPositionTemperatur
auf See nach Süden74° 07,7′ S−0,7 °C
Vahsel-Bucht78° 05,5′ S−6,6 °C
Luitpold-Küste76° 47,2′ S−6,6 °C
Stancomb-Wills-Gletscher73° 42,6′ S−3 °C
Weddellmeer, auf See70° 17,4′ S−1 °C

Minus sechs Grad klingt harmlos. Entscheidend ist, dass man bei einem Hubschrauberflug oder auf dem Meereis steht statt zu gehen — man erzeugt keine eigene Wärme. Deshalb schreiben die Programme für jeden Flug Gummistiefel und wasserdichte Kleidung ausdrücklich vor. Einzelne Reisen dieser Art melden auch Werte um −17 °C.

Was an den Seetagen passiert

Auf einer solchen Route sind Seetage kein Übel, sondern die halbe Reise — nach dem Weddellmeer stehen bis zu fünf am Stück an. Das Bordprogramm füllt sie: Vorträge zu Shackletons Endurance-Expedition, Meereis- und Gletschereiskunde, Wetterprognose, Evolution der Wale, dazu ein Spaltenbergungs-Workshop mit Knoten und Flaschenzug, Überlebenstraining und Bildbearbeitung. Mit erstaunlichem Zulauf übrigens: Stricken.

Kaiserpinguine: die einzige Art, die dort brütet

Der Kaiserpinguin ist die einzige Art, die den antarktischen Winter auf dem Meereis durchsteht. Die Weibchen legen im Mai ein Ei, übergeben es den Männchen und gehen aufs Meer; die Männchen brüten es durch die Polarnacht, bei minus 40 Grad und Stürmen, ohne zu fressen.

Ihre Kolonien liegen deshalb dort, wo das Eis auch im Winter hält — im Weddellmeer und an vergleichbaren Küsten. Auf der Antarktischen Halbinsel sieht man sie so gut wie nie; wer Kaiserpinguine sehen will, muss ins Eis.

Gruppe von Kaiserpinguinen auf dem Meereis im Weddellmeer
Kaiserpinguine im Weddellmeer. Auf der Antarktischen Halbinsel sind sie eine Ausnahmeerscheinung. Foto: Jess Owen

Dazu kommen Adeliepinguine, die als einzige andere Art weit nach Süden gehen, und Schneesturmvögel — kleine, vollständig weiße Vögel, die man fast nur über dem Packeis sieht.

Schneesturmvogel im Flug über dem Packeis der Antarktis
Der Schneesturmvogel brütet weiter südlich als fast jeder andere Vogel der Erde. Foto: Oceanwide Expeditions

Point Wild auf Elephant Island

Am nördlichen Rand des Weddellmeers liegt Elephant Island. Dorthin retteten sich Shackletons Männer, nachdem die Endurance gesunken war — und dort harrten 22 von ihnen viereinhalb Monate unter zwei umgedrehten Rettungsbooten aus, während Shackleton mit fünf Begleitern nach Südgeorgien segelte.

Die Stelle heißt heute Point Wild, nach Frank Wild, der die Zurückgebliebenen führte. Sie ist ein schmaler Felsvorsprung, wenige Dutzend Meter breit, von Gletschern eingefasst. Ein Denkmal erinnert an die Rettung. Anlandungen sind dort fast nie möglich; man sieht die Stelle vom Zodiac oder vom Schiff.

Denkmal an der Landspitze Point Wild auf Elephant Island in der Antarktis
Point Wild: Auf diesem Streifen überlebten 22 Männer viereinhalb Monate. Foto: Ross Wheeler

Neuschwabenland: deutsche Geschichte am Rand des Weddellmeers

Östlich des Weddellmeers, westlich des Nullmeridians, liegt ein Küstenabschnitt mit einem deutschen Namen: Neuschwabenland. Er stammt von der Dritten Deutschen Antarktisexpedition 1938/39.

Im Dezember 1938 lief die MS Schwabenland unter Alfred Ritscher nach Süden — ein umgebautes Katapultschiff, von dem zwei Flugboote starten konnten. In wenigen Wochen wurden rund 350.000 Quadratkilometer aus der Luft fotografiert und kartiert. Das Deutsche Reich erhob 1939 Anspruch auf das Gebiet. Anerkannt wurde er nie.

Heute liegt die Region im norwegisch beanspruchten Dronning-Maud-Land, und seit dem Antarktisvertrag von 1959 sind sämtliche Gebietsansprüche südlich des 60. Breitengrads eingefroren: Sie bestehen auf dem Papier fort, dürfen aber weder ausgeweitet noch durchgesetzt werden. Neue sind ausgeschlossen.

Um Neuschwabenland ranken sich Erzählungen über eine geheime unterirdische Anlage. Dafür gibt es keinerlei Beleg — weder in den Expeditionsakten noch in den Luft- und Satellitenaufnahmen, die die Region inzwischen vollständig abdecken. Die Expedition dauerte wenige Wochen, ging nie an Land und hinterließ Hoheitszeichen, keine Bauwerke.

Die deutsche Präsenz dort ist heute eine andere: Auf dem Ekström-Schelfeis steht die Neumayer-Station III des Alfred-Wegener-Instituts, ganzjährig besetzt, mit einer kleinen Überwinterungsmannschaft. Sie betreibt Atmosphären-, Geophysik- und Luftchemieforschung — unter einem Vertrag, der ausdrücklich auf friedliche Nutzung und Datenaustausch verpflichtet.

Was Reisende sehen, wenn eine Route überhaupt so weit nach Osten führt, ist die Kante des Schelfeises: eine Eiswand, die über Dutzende Kilometer gleichmäßig verläuft und an der es keinen Strand gibt. Die Westgrenze der Region liegt bei 20° West.

Das Schiff: warum die MS Ortelius diese Route fährt

Nicht jedes Expeditionsschiff kommt ins Weddellmeer. Die MS Ortelius wurde 1989 in Gdynia als Forschungsschiff für die Russische Akademie der Wissenschaften gebaut, lief zunächst als Marina Swetajewa und gehört seit 2011 zu Oceanwide Expeditions. 2019 wurde sie umfassend überholt.

Drei Eigenschaften machen sie für diese Route geeignet:

  • Eisklasse UL1 (entspricht 1A) — sie darf und kann in Packeis fahren, nicht nur daran vorbei.
  • Zwei Hubschrauber. Damit werden Ziele erreichbar, an die kein Schiff herankommt.
  • Geringe Gästezahl. Bei rund hundert Gästen und sechzig Besatzungsmitgliedern lässt sich ein Flugbetrieb überhaupt organisieren.

Benannt ist sie nach Abraham Ortelius, dem flämischen Kartografen, der 1570 mit dem Theatrum Orbis Terrarum den ersten modernen Weltatlas herausgab. Das Schiff misst 91 Meter, ist 17 Meter breit und läuft im Schnitt 10,5 Knoten — langsam, aber für Eis gebaut.

MS Ortelius im Packeis der Antarktis
Die MS Ortelius im Eis. Eisklasse UL1, zwei Hubschrauber, rund hundert Gäste. Foto: Jess Owen

Was Sie realistisch erwarten sollten

  • Wenige Anlandungen. Eine Weddellmeer-Reise besteht überwiegend aus Fahrt im Eis, nicht aus Landgängen.
  • Kein garantiertes Ziel. Wie weit es nach Süden geht, entscheidet das Eis. Die Vahsel-Bucht erreichen nur wenige Reisen.
  • Kälte. Zweistellige Minusgrade auch im Südsommer.
  • Kaiserpinguine sind wahrscheinlich, aber nicht sicher. Sie hängen davon ab, ob eine Kolonie erreichbar ist.
  • Hubschrauberflüge fallen häufig aus. Nebel und Wind setzen sie regelmäßig aus.
  • Es ist keine Einsteigerreise. Wer zum ersten Mal in die Antarktis fährt, ist auf der Halbinsel besser aufgehoben.
Tafeleisberg im Erebus-and-Terror-Golf am Rand des Weddellmeers
Tafeleisberge entstehen, wenn Stücke vom Schelfeis abbrechen — im Weddellmeer die häufigste Form. Foto: Cecilia Vanman

Preise und Termine

ReiseDauerAbfahrtPreis ab
Weddellmeer – Basecamp | MS Hondius13 Tage05.12.20269.600 €
Basecamp | MS Hondius13 Tage07.12.202710.100 €
Elefanteninsel – Weddellmeer – Polarkreis | MS Plancius15 Tage12.03.202711.050 €
Basislager Weddellmeer | MS Ortelius13 Tage15.02.202811.500 €

Reisen, die tatsächlich bis in den tiefen Süden des Weddellmeers vordringen, sind seltener und länger — vier Wochen statt zwei — und liegen preislich deutlich darüber. Sie werden nur in einzelnen Saisons überhaupt angeboten.

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Ob eine Weddellmeer-Route zu Ihnen passt oder die Halbinsel die bessere Wahl ist, klären wir vorher — sprechen Sie uns an.

Positionen und Temperaturangaben stammen aus den Bordaufzeichnungen der Reise „Remote Weddell Sea Explorer" mit der MV Ortelius, 11. Februar bis 10. März 2025. Fotos: Oceanwide Expeditions und die jeweils genannten Fotografinnen und Fotografen. Preise und Termine Stand August 2026, Änderungen vorbehalten.


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