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◆ Reiseberichte

Auf dem Gletscher stehen: Wandern und Polarkreis auf einer Grönland-Expedition

Trittsicherheit auf Geröll, eine Wasserquerung, tiefe Schneefelder — und für viele die erste Wanderung auf echtem Gletschereis. Was auf einer Grönland-Expedition körperlich verlangt wird.

Lesezeit 9 Minuten
Thema Reiseberichte

„Für viele war es die erste Wanderung auf echtem Gletschereis." Der Satz steht im Bordlogbuch der MS Cape Race zum 14. Juni 2026, dem Tag am Tateraat-Gletscher. Zwei Tage vorher hatte dieselbe Gruppe eine Wasserquerung zu bewältigen und war über steiles Geröll gestiegen. Was auf einer Grönland-Expedition körperlich verlangt wird, lässt sich an einem solchen Logbuch genauer ablesen als an jeder Katalogbeschreibung — weil dort auch steht, was nicht glattlief.

Wie anstrengend sind die Wanderungen auf einer Grönland-Expedition?

Unterschiedlich — und genau das ist die Antwort. An fast jedem Tag gab es zwei Optionen: eine flachere und eine steilere. Die Woche vom 12. bis 19. Juni 2026 sah so aus:

TagGeländeWas verlangt war
Tasiusaq-Seesteiles Geröll, BachquerungTrittsicherheit, Geduld, nasse Füße einkalkulieren
Bergrücken SermilinnguaqAufstieg über Fels und TundraGrundkondition, kein Weg vorhanden
KangerlussuatsiaqKüstenebene oder Bergrückenobere Route: tiefe, weiche Schneefelder
Tateraat-GletscherGletschereisTrittsicherheit auf Eis, ruhiges Gehen
Nipisatmarkierte Wege durch Tundraleicht — der entspannteste Landgang der Woche
AssaqutaqHängebrücke, EisenstufenSchwindelfreiheit hilft
PaakitsoqAussichtspunktfrei wählbar — oder an Bord bleiben

Nichts davon ist alpines Gelände. Es gibt keine Klettersteige, keine Seilsicherung, keine Höhenmeter, die man in Stunden misst. Aber es ist auch kein Spazierweg: In Grönland gibt es außerhalb der Orte praktisch keine Wege. Man geht über Fels, Moos, Geröll und Schnee — jeder Schritt sucht sich seinen Platz selbst.

Bergrücken mit Tundravegetation und Steinen, Blick über das Wasser in Westgrönland
Typisches Gelände auf den Anlandungen: Tundra, Fels, kein Pfad. Trittsicherheit hilft hier mehr als Ausdauer.

Was heißt „trittsicher" konkret?

Der Begriff steht in fast jeder Ausschreibung und wird selten erklärt. Praktisch bedeutet er dreierlei:

  • Auf unebenem Untergrund gehen, ohne hinzusehen zu müssen. Wer jeden Stein einzeln prüft, kommt nicht mit — nicht wegen des Tempos, sondern weil die Konzentration nach zwei Stunden nachlässt.
  • Auf rutschigem Grund den Fuß bewusst setzen. Nasses Moos und feuchter Fels sind in Grönland der Normalfall, nicht die Ausnahme.
  • Ein Gefälle abwärts gehen können. Der Abstieg ist für die Knie das Schwierigere, nicht der Aufstieg.

Was nicht verlangt ist: Bergerfahrung, Kondition für lange Distanzen, Schwindelfreiheit im engeren Sinn. Die Wanderungen dauern selten mehr als zwei bis drei Stunden, weil das Zodiac ohnehin zu festen Zeiten zurückfährt.

Kann man in Grönland auf einen Gletscher steigen?

Auf dieser Reise ja. Am 14. Juni ging die Gruppe auf den Tateraat-Gletscher — für viele die erste Begehung von echtem Gletschereis überhaupt. Das Logbuch nennt ausdrücklich zwei Gründe, warum das möglich war: geringe Spaltengefahr an dieser Stelle und gute Trittsicherheit in der Gruppe.

Expeditionsschiff MS Cape Race vor einer Gletscherfront in Westgrönland
Die Gletscherfront von Kangerlussuatsiaq. Der Vormittag bot zwei Wanderoptionen an ihrem Fuß, am Nachmittag ging es auf das Eis.

Beides ist keine Selbstverständlichkeit, und deshalb steht in seriösen Ausschreibungen auch nie, dass eine Gletscherbegehung stattfindet. Sie hängt vom Zustand des Eises an genau diesem Tag ab: Wie viel Schnee liegt noch auf den Spalten? Wie weit ist die Schmelze fortgeschritten? Ein Gletscher, der Mitte Juni begehbar ist, kann Ende Juli gesperrt sein — nicht aus Vorsicht, sondern weil sich die Oberfläche verändert hat.

Wer eine Gletscherbegehung fest einplant, plant falsch. Wer sie als Möglichkeit betrachtet, für die er die passenden Schuhe dabeihat, bekommt sie mit guter Wahrscheinlichkeit.

Was ist ein Zodiac-Training und wozu braucht man es?

Es stand am zweiten Tag vor der ersten Anlandung auf dem Programm, zusammen mit den Sicherheitseinweisungen. Das Zodiac ist das Schlauchboot, mit dem zwischen Schiff und Ufer gependelt wird — in Grönland gibt es außerhalb der Städte fast nirgends einen Steg. Angelandet wird nass oder trocken, je nach Ufer, und immer aus einem Boot, das sich bewegt.

Geübt werden drei Dinge: der Seemannsgriff beim Ein- und Aussteigen, das Sitzen auf dem Schlauchwulst während der Fahrt und das Aussteigen ins flache Wasser. Das klingt banal, entscheidet aber darüber, ob eine Anlandung zwanzig Minuten oder fünf dauert — bei zwölf Gästen eher fünf.

Warum ändert sich das Programm ständig?

Weil die Natur es ändert. Am 13. Juni zwang die rasch einsetzende Flut auf dem Rückweg zu einer Routenänderung; das Logbuch nennt das lakonisch „spannend". Der Tidenhub an der grönländischen Westküste verwandelt eine trockene Kiesbank binnen einer Stunde in eine Wasserfläche. Wer über eine Landzunge hingelaufen ist, findet sie auf dem Rückweg womöglich nicht mehr vor.

Dasselbe gilt für Nebel, Wind, Eis und Tiere. Am 18. Juni verhinderten dichte Nebelschwaden in Ilulissat den Blick auf den berühmten Eisfjord — den bekanntesten Ausblick Grönlands, direkt am Weg. Er war einfach nicht da.

Das ist der eigentliche Unterschied zwischen einer Expeditionsreise und einer Kreuzfahrt mit Landausflügen: Es gibt kein Programm, das eingehalten wird, sondern eine Absicht, die täglich an die Bedingungen angepasst wird. Wer damit hadert, ist auf der falschen Reise. Wer es als Teil der Sache nimmt, bekommt Tage, die keine zweite Gruppe so erlebt.

Wie sieht ein typischer Tag auf einer Expeditionsreise aus?

Nach dem Logbuch dieser Woche ergibt sich ein stabiles Muster:

  • Vormittags eine Anlandung mit zwei Wanderoptionen, meist zwei bis drei Stunden.
  • Mittags zurück an Bord — an einem Tag mit „entspannter Mittagspause mit Sauna und Sonnenschein" vor dem Höhepunkt des Tages.
  • Nachmittags eine zweite Unternehmung: eine weitere Anlandung, eine Zodiacfahrt zwischen Eisblöcken oder eine Fahrt in einen Fjord.
  • Abends Fahrt zum nächsten Ankerplatz. Nördlich des Polarkreises im Juni bei Tageslicht — die Sonne geht nicht unter.

An einem Vormittag stand statt einer Wanderung Wissenschaft auf dem Plan: Bei Paakitsoq entnahm die Gruppe Wasserproben für Planktonuntersuchungen und fand darin „sehr viel Leben, sowohl Zoo- als auch Phytoplankton". In der Nacht darauf standen Buckelwale und riesige Loddenschwärme um das Schiff — die Probe vom Morgen hatte die Erklärung schon geliefert.

Welche Ausrüstung braucht man für eine Grönland-Expedition?

Aus dem, was dieses Logbuch beschreibt, ergibt sich die Liste fast von selbst:

  • Knöchelhohe, wasserdichte Wanderschuhe mit griffiger Sohle — für Geröll, nasses Moos und Gletschereis. Das ist das wichtigste Ausrüstungsstück der ganzen Reise.
  • Gummistiefel für nasse Anlandungen. Auf kleinen Schiffen oft an Bord ausleihbar; klären Sie das vorher, es spart Gepäck.
  • Kleidung im Schichtprinzip für 3 bis 12 °C: Funktionsunterwäsche, Fleece oder Wolle, wind- und wasserdichte Außenschicht.
  • Handschuhe und Mütze — auch bei 12 °C, denn auf dem Vordeck bei Fahrt herrscht ein anderes Klima als an Land.
  • Wanderstöcke, wenn Sie sie ohnehin nutzen. Auf weichen Schneefeldern und beim Abstieg sind sie mehr wert als jede Kondition.
  • Sonnenbrille und Sonnenschutz — Schnee und Wasser reflektieren, und die Sonne steht im Juni sehr lange am Himmel.
  • Fernglas. Wale, Robben und Polarfüchse zeigen sich selten nah. Ein 8×42 ist die vernünftigste Investition für so eine Reise.

Was Sie nicht brauchen: Steigeisen, Klettergurt, Expeditionsdaunenjacke. Grönland im Juni ist kühl, nicht extrem.

Für wen ist eine solche Reise nicht geeignet?

Ehrlich beantwortet: Für alle, die einen festen Ablaufplan brauchen, die Anlandungen ohne nasse Füße erwarten oder die auf ein bestimmtes Tier hoffen. Buckelwale wurden auf dieser Reise gesichtet — Sprünge sind ein Glücksfall, kein Programmpunkt, und auf dieser Westküstenroute gibt es keine Eisbären.

Geeignet ist sie für alle, die zwei bis drei Stunden auf unebenem Gelände gehen können und Freude daran haben, dass der Tag erst am Frühstückstisch entschieden wird.

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Ob eine Route zu Ihrer Kondition passt, klären wir vorher — lieber ein Anruf zu viel als eine Wanderung, die keinen Spaß macht. Sprechen Sie uns an.

Grundlage dieses Beitrags ist das Bordlogbuch der MS Cape Race zur Reise MARE 07-26 vom 12. bis 19. Juni 2026. Kapitän: Marc Weisssteiner. Expeditionsleitung: Andreas Umbreit. Guide und Text des Logbuchs: Monika Hiller. Fotos: Monika Hiller und Andreas Umbreit.


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