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© Andreas Umbreit
◆ Notizen aus hohen Breiten

Wie viel Expedition steckt in einer Expeditionskreuzfahrt?

Expeditionsleiter Andreas Umbreit hält den Begriff für hoch gegriffen — und zeigt, wo trotzdem ein echtes Stück Expedition steckt: vier Fuchsfallen, drei Gräberfelder und ein Hausfundament, die im grö...

Lesezeit 12 Minuten
Thema Notizen aus hohen Breiten

Unser Expeditionsleiter Andreas Umbreit hält den Begriff „Expeditionskreuzfahrt" für reichlich hoch gegriffen — und erklärt, wo auf der CAPE RACE trotzdem ein echtes Stück Expedition steckt: in vier Fuchsfallen, drei Gräberfeldern und einem Hausfundament, die im grönländischen Kulturdenkmalregister bislang fehlten.

Notizen aus hohen Breiten — von Expeditionsleiter Andreas Umbreit

Wie viel Expedition steckt in unseren Reisen?

Unsere Art des Reisens mit der CAPE RACE fällt im „Tourismus-Sprech" unter den Sammelbegriff „Expeditionskreuzfahrten", und ich bin deshalb der sogenannte „Expeditionsleiter". Sehr glücklich bin ich mit diesen Begriffen nicht, denn im Grunde handelt es sich dabei um eine sehr inflationäre Verwendung des Begriffs „Expedition": Wir stoßen nur in seltenen Ausnahmefällen in wirkliches Neuland vor, machen weder sportliche Erstbesteigungen wie Hillary, noch erreichen wir à la Amundsen Orte, die vorher kein Mensch gesehen hat, wir entdecken wohl kaum neue Arten wie die Humboldts oder kommen auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Stile eines Alfred Wegener. Eine Expedition im wirklichen Sinne machen wir also nicht.

Natürlich entdeckt jeder Teilnehmer (und auch wir von der Mannschaft) auf jeder dieser Reisen persönlich Neues, und das ist wunderbar und ein wesentlicher Sinn des Reisens. Aber dafür gleich den Begriff Expedition zu verwenden, ist sehr hoch gegriffen, denn persönlich Neues kann ich auch zuhause womöglich im Garten oder in der Nachbarstraße entdecken, oder neue Souvenirs in den Bordläden eines klassischen Kreuzfahrtschiffs — und wenn alles damit zur Expedition wird, nur weil es persönlich neu ist, verliert der Begriff seinen Sinn als Abgrenzung von anderen Reiseformen.

Zitronen in Ilulissat

Das gute Essen auf der CAPE RACE hätte übrigens auch etlichen der klassischen Forschungspioniere gefallen: Vielen von ihnen war die Bedeutung einer guten Verpflegung für die Moral und Gesundheit auf langen Reisen bewusst, aber die Möglichkeiten waren begrenzter. Hier kann in Grönland durchaus etwas Expeditionsgefühl aufkommen, wenn auch meist auf ziemlich komfortablem Niveau — ich erinnere mich beispielsweise, dass beim Einkauf in diesem Sommer an einem Wechseltag in keinem Supermarkt in Ilulissat Zitronen zu bekommen waren, was unsere gewissenhafte Köchin etwas beunruhigte. Aber mit Limetten und Orangen ging es dann auch ohne Zitronen.

Manchmal sollte man sich als Reisender vergegenwärtigen, wo man hier unterwegs ist. Das gilt auch für An- und Abreise, die bei Grönlandreisen unerwartet und heftig deutlich vom Plan abweichen können, weil zum Beispiel Flüge wegen des Wetters (gegebenenfalls auch auf einem erforderlichen Ausweichflughafen) verschoben oder gar abgesagt werden oder es im kleinen Grönland plötzlich an vorgeschriebenen Spezialisten für die Flugabfertigung fehlt. Wer nach Grönland reist, sollte da in der Tat etwas Expeditionsgeist und Bereitschaft für das Unerwartete mitbringen.

Was an wissenschaftlicher Ausrüstung an Bord ist

Wir betreiben normalerweise weder echte Forschung, noch kommt es bei unseren Reisen zu sportlichen Erstleistungen. Allerdings haben wir auf der CAPE RACE durchaus den Anspruch, Wissenschaft, und da vor allem Meeresbiologie, näherzubringen. Hierfür haben wir auf dem Schiff wissenschaftliche Ausrüstung für mehrere zehntausend Euro dabei: Geräte zur Probennahme, ein sehr hochwertiges Mikroskop mit Beameranschluss, einen Satz hervorragender Lupen, einen Unterwasser-Roboter, eine Schiffsdrohne — und ganz neu seit 2026 ein teures CastAway: ein Messgerät, das an einer Schnur ins Meer hinabgelassen wird und während des Hochziehens automatisch immer wieder Druck, Temperatur und Leitfähigkeit misst und diese Daten dabei aufzeichnet, die damit anschließend als Messreihen übertragen und durch die zugehörige Software auch als Grafiken dargestellt werden können, auf denen dann anschaulich Temperatur und Salzgehalt des Wassers in den verschiedenen Tiefen erkennbar werden.

Was früher stundenlange mühsame Einzelmessungen erforderte, ist mit diesem Gerät in wenigen Minuten verfügbar und kann in der Software auch gleich mit früheren Messungen verglichen werden. Und natürlich schauen wir bei der Demonstration der Anwendung unserer Ausrüstung mindestens auch Planktonproben mit den darin enthaltenen winzigen Lebewesen unter den Lupen und dem Mikroskop an, die wir vorher gemeinsam mit einem unserer Planktonnetze aus dem Meer geholt haben. Mit diesen Möglichkeiten zum Erleben praktischer Forschung dürfte die CAPE RACE zumindest in ihrer Größenklasse ziemlich einmalig sein.

Reisegruppe untersucht mit beleuchteten Lupen Flechten an einer Felswand in Atanikerluk, Westgrönland
Durch unseren Bordsatz von hochwertigen beleuchteten Lupen öffnet sich eine sonst ignorierte Kleinwelt, hier die Strukturen von Flechten auf einer Felswand. Foto: Andreas Umbreit
Planktonorganismus unter dem Bordmikroskop der CAPE RACE
Noch kleiner: die Welt des Planktons aus unseren Wasserproben unter dem hochwertigen Bordmikroskop. Foto: Andreas Umbreit
Zooplankton und einzellige Algen unter dem Bordmikroskop
Und nochmals: Zooplankton und in einem Strang zusammenhängende einzellige Algen unter dem Bordmikroskop. Foto: Andreas Umbreit

Wo unsere Reisen tatsächlich etwas beitragen

Über dieses Kennenlernen wissenschaftlicher Ausrüstung hinaus liefern die Reisen der CAPE RACE gelegentlich aber auch tatsächliche (bescheidene) Beiträge zu größeren wissenschaftlichen Fragestellungen. So haben wir in Spitzbergen möglichst alle gesichteten Eisbären nach einer vom norwegischen Polarinstitut bereitgestellten Tabelle hinsichtlich ihres Ernährungszustandes registriert und samt Beobachtungsposition weitergemeldet.

Teilnehmer unserer Reisen, die detaillierte Fotos von Buckelwal-Fluken schießen, schicken diese teilweise samt Beobachtungsposition und Datum an die Webseite happywhale.com — jeder Buckelwal hat eine sehr charakteristische Fluke, anhand derer er sicher identifiziert werden kann, und auf der Webseite sind inzwischen weltweite Beobachtungen von fast 150.000 individuellen Buckelwalen registriert. Je mehr Beobachtungen eines einzelnen Wales an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten eingehen, desto genauer lässt sich damit das Wanderverhalten der Buckelwale erforschen.

Fluke eines Buckelwals beim Abtauchen vor Westgrönland
Fluke eines Buckelwales — im Vergleich mit dem nächsten Bild … Foto: Andreas Umbreit
Zweite Buckelwalfluke mit deutlich anderem Zeichnungsmuster, Westgrönland
… wird deutlich, wie individuell unterschiedlich die Buckelwalfluken sind. Foto: Andreas Umbreit

Kulturdenkmäler, die noch nirgends verzeichnet waren

Ich selbst habe mir in Spitzbergen angewöhnt, menschliche Relikte draußen in der Natur zu dokumentieren und mit Position an die zuständigen Behörden zu melden — von Fuchsfallen über Gräber und Fundamente bis hin zur gut erhaltenen russischen Lanzenspitze für die ehemalige Walrossjagd wohl aus dem 18. Jahrhundert.

Wer in so abgelegenen Regionen unterwegs ist, stößt mit etwas Glück auf Kulturdenkmäler, die bisher unregistriert waren — dies ist mir übrigens sogar auch in Deutschland schon gelungen: ein vorher unbekannter hochmittelalterlicher Spornburgrest (Graben und schwacher Abschnittswallrest) in Thüringen, bronzezeitliche Scherben von Webgewichten und Gefäßen bei Gartenarbeiten in Oberbayern, ein vergessener Splitterschutzgrabenrest mit schätzungsweise 70 bis 100 Metern Ganglänge aus dem Zweiten Weltkrieg auf meinem Grundstück in Thüringen. Umso größer sind die Chancen in Grönland, da auf Vergessenes zu stoßen.

Von Anfang Juni bis zu meiner Abreise am 24. Juli 2026 haben wir in Grönland während unserer Exkursionen vier historische Fuchsfallen (künstliche kleine Tunnel aus aufgeschichteten Steinen; ein Ende ist verschlossen, das andere Ende fällt zu, wenn der Fuchs wegen des Köders in den Tunnel schlüpft), Gräber an drei verschiedenen Plätzen und das Fundament eines verschwundenen Gebäudes entdeckt, den jeweiligen Teilnehmern gezeigt, fotografiert und hinsichtlich der Positionen festgehalten — die alle im amtlichen grönländischen Kulturdenkmalregister noch nicht eingetragen waren. Mal sehen, was für weitere Funde beim nächsten Einsatz im August und September 2026 vielleicht folgen.

Historische Fuchsfalle aus aufgeschichteten Steinen in der Tundra Westgrönlands
Fuchsfalle mit offenem Eingang. Foto: Andreas Umbreit
Gräberfeld aus Steinsetzungen in der Tundra bei Pakitsoq, Westgrönland
Gräberfeld. Foto: Andreas Umbreit
Einzelnes Steingrab mit Flechtenbewuchs bei Niaqornat, Westgrönland
Einzelnes Grab in einem Gräberfeld. Foto: Andreas Umbreit
Grasüberwachsenes Fundament eines verschwundenen Hauses in Aasivik, Westgrönland
Fundament eines verschwundenen Hauses. Foto: Andreas Umbreit

Durch die Weiterleitung solcher Funde tragen die Reisen der CAPE RACE weitere Mosaiksteinchen zur besseren Erforschung der Geschichte Grönlands bei, genau wie die Dokumentation von Buckelwalbeobachtungen das Wissen über diese Tiere vermehrt. Ähnliches wäre beispielsweise auch bei Sichtung von in Grönland seltenen Vögeln einschließlich Irrgästen möglich.

Für die Mehrzahl unserer Reiseteilnehmer ist es spannend, hier ein bisschen echtes Entdecken mitzuerleben und mit ihrer Reise ein wenig zur Erweiterung der Kenntnisse über Natur und Geschichte Grönlands beizutragen. Hier haben wir also ein tatsächliches kleines Stückchen Expedition.


Was das für Ihre Reiseplanung bedeutet

Andreas Umbreits Text beschreibt einen Unterschied, der sich beim Buchen selten auf den ersten Blick zeigt. „Expeditionskreuzfahrt" steht heute auf Reisen mit zwölf Gästen ebenso wie auf solchen mit fünfhundert. Woran man den Unterschied festmachen kann:

  • Ausrüstung an Bord. Mikroskop, Planktonnetze, Lupen, Messgeräte — oder nur Vorträge im Salon.
  • Gruppengröße. Bei zwölf Gästen geht man gemeinsam an Land und kann an einer Felswand stehen bleiben, weil dort Flechten wachsen. Bei zweihundert entscheidet der Zeitplan.
  • Beiträge nach außen. Ob Beobachtungen tatsächlich weitergemeldet werden — an Happywhale, an das norwegische Polarinstitut, an das grönländische Denkmalregister — oder ob es bei der Anekdote bleibt.
  • Umgang mit Abweichungen. Wer nach Grönland fährt, muss mit verschobenen Flügen und geänderten Routen rechnen. Das ist kein Organisationsfehler, sondern Teil der Sache.

Die MS Cape Race fährt mit zwölf Gästen und ist in Deutschland exklusiv über uns buchbar. Reisen nach Grönland finden Sie in der Übersicht; Orte wie Ilulissat, die Diskobucht und Eqip Sermia beschreiben wir im Einzelnen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen einer Expeditionskreuzfahrt und einer Expedition?

Eine Expedition im eigentlichen Sinn stößt in Neuland vor oder gewinnt neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Expeditionskreuzfahrten tun das in aller Regel nicht — der Begriff wird heute sehr weit verwendet. Unterscheidbar sind Reisen über die Ausrüstung an Bord, die Gruppengröße und die Frage, ob Beobachtungen tatsächlich an Forschungsstellen weitergemeldet werden.

Welche wissenschaftliche Ausrüstung hat die MS Cape Race an Bord?

Geräte zur Probennahme, ein hochwertiges Mikroskop mit Beameranschluss, einen Satz beleuchteter Lupen, einen Unterwasser-Roboter, eine Schiffsdrohne und seit 2026 ein CastAway-Messgerät, das beim Hochziehen automatisch Druck, Temperatur und Leitfähigkeit in verschiedenen Tiefen aufzeichnet.

Was ist Happywhale?

Eine Webseite, auf der Buckelwal-Sichtungen anhand von Flukenfotos erfasst werden. Jeder Buckelwal hat eine charakteristische Fluke, über die er sicher identifiziert werden kann. Registriert sind inzwischen weltweit fast 150.000 einzelne Tiere; je mehr Beobachtungen eines Wals eingehen, desto genauer lässt sich sein Wanderverhalten nachvollziehen.

Werden auf Grönlandreisen noch unbekannte Kulturdenkmäler gefunden?

Ja. Zwischen Anfang Juni und dem 24. Juli 2026 wurden auf Reisen der CAPE RACE vier historische Fuchsfallen, Gräber an drei verschiedenen Plätzen und das Fundament eines verschwundenen Gebäudes dokumentiert — alle waren im amtlichen grönländischen Kulturdenkmalregister noch nicht eingetragen.

Was ist eine grönländische Fuchsfalle?

Ein künstlicher kleiner Tunnel aus aufgeschichteten Steinen. Ein Ende ist verschlossen; das andere fällt zu, sobald der Fuchs wegen des Köders in den Tunnel schlüpft. Solche Fallen liegen teils seit Jahrhunderten in der Landschaft.

Muss man auf Grönlandreisen mit Planänderungen rechnen?

Ja, und zwar deutlich. Flüge können wegen des Wetters verschoben oder abgesagt werden, gelegentlich fehlen im kleinen Grönland kurzfristig die vorgeschriebenen Spezialisten für die Flugabfertigung. Wer nach Grönland reist, sollte Bereitschaft für das Unerwartete mitbringen.

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Welche Reise zu Ihnen passt, klären wir am Telefon — sprechen Sie uns an.

Text und Fotos: Andreas Umbreit, Expeditionsleiter, Sommer 2026. Der Beitrag erscheint in der Reihe „Notizen aus hohen Breiten". Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden behutsam angepasst, der Text im Übrigen unverändert übernommen.


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