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◆ Reiseberichte

2 Minuten 18 Sekunden: eine Sonnenfinsternis über dem Scoresby Sund

Am 12. August 2026 stand die Sonne über Nordostgrönland vollständig hinter dem Mond. Wie man so einen Nachmittag von einem Expeditionsschiff aus erlebt — und was sich daran planen lässt.

Lesezeit 10 Minuten
Thema Reiseberichte

Es gibt Zahlen, die eine Reise genauer beschreiben als jeder Prospekttext. Für diese ist es: 2 Minuten und 18 Sekunden.

So lange stand die Sonne am 12. August 2026 über dem Scoresby Sund vollständig hinter dem Mond. Von 17:35:14 bis 17:37:38 Uhr, an der Position 70°47′ Nord und 27°47′ West, bei hundert Prozent Verdunkelung. Das gesamte Ereignis — von der ersten Berührung der Mondscheibe bis zur letzten — dauerte 2 Stunden, 1 Minute und 8 Sekunden.

Dieser Text handelt davon, wie man so einen Nachmittag von einem Schiff aus erlebt, was sich daran planen lässt und was nicht. Grundlage ist das Bordbuch der MV Plancius, die vom 3. bis 16. August 2026 von Longyearbyen nach Akureyri fuhr.

Zwei Gäste sitzen an einem Hang über dem Fjord bei Sydkap, im Wasser das Expeditionsschiff und Eisberge
Sydkap im Scoresby Sund. Am Tag nach der Finsternis wanderte die Gruppe hier — der Fjord, in dem das Schiff am 12. August lag. © Gérard Bodineau / Oceanwide Expeditions

Warum ein Schiff

Der Kernschatten des Mondes zieht als schmales Band über die Erdoberfläche. Wer an Land steht, hat seinen Platz gewählt, bevor er wusste, wie das Wetter wird. Ein Schiff kann sich bewegen. Es kann innerhalb des Schattenbandes nach einer Lücke in der Bewölkung suchen.

Das ist keine Garantie — kein Veranstalter kann Wetter zusagen. Aber es ist eine zweite Chance, und bei einem Ereignis, das an einem Ort im Schnitt alle paar hundert Jahre stattfindet, zählt das.

Dazu kommt der Ort selbst. Der Schatten des 12. August fiel über Grönland, Island und Spanien. In Nordostgrönland traf er auf eine der leersten Küsten der Nordhalbkugel — kein Stadtlicht, kein Dunst, keine anderen Zuschauer.

Die Vorbereitung begann Tage vorher

An Bord war Eduardo Rubio als Astronom mitgereist. Bereits am 6. August, sechs Tage vor dem Ereignis und noch auf der Überfahrt von Spitzbergen nach Grönland, erklärte er in einem ersten Vortrag die Konstellation von Sonne, Mond und Erde, aus der eine totale Finsternis überhaupt entsteht.

Am Tag davor folgte ein zweiter, diesmal verpflichtender Vortrag. Es ging um Sicherheit: wie man Augen und Kameras vor der UV-Strahlung schützt. Dabei wurden Brillen mit Spezialfiltern ausgegeben. Er sprach außerdem über die Wettervorhersage, gab Hinweise zum Fotografieren und erklärte, was während der Totalität zu erwarten war.

Das Bordbuch hält eine Beobachtung fest, die mehr über die Stimmung sagt als jede Beschreibung: „Edu freut sich wie ein kleiner Junge, und wir alle freuen uns mit ihm. Für viele von uns ist das der Grund, warum wir diese Reise gebucht haben, für manche ist es die Erfüllung eines Lebenstraums."

Der Vormittag: Sorte Ø

Der Tag begann um 07:15 Uhr mit dem Weckruf der Expeditionsleiterin und der Ansage, auf die es ankam: klarer Himmel.

Das Schiff näherte sich der Nordseite von Sorte Ø, einer kleinen Insel an der Mündung des Snesund-Kanals in den Rødefjord, tief im Inneren des Scoresby Sunds. Um 08:45 Uhr begannen die Vorbereitungen für die Anlandung. Wie an jedem Anlandeplatz erkundeten die Guides das Gelände zuerst zu Fuß, während zwei Zodiacs in entgegengesetzte Richtungen die Küste abfuhren und nach Eisbären Ausschau hielten.

Dann gingen die Gruppen an Land: eine lange Wanderung ins Landesinnere, mehrere mittelschwere, und ein kurzer Spaziergang am Strand. Blauer Himmel, warme Temperaturen, außergewöhnliche Sicht bis zu den eisbedeckten Bergen in der Ferne. Den Abschluss bildete ein Polar Plunge — ein kurzes Bad im arktischen Wasser am Anlandestrand.

Nordlicht über dem dunklen Horizont in Nordostgrönland
Der Himmel über Nordostgrönland, hier ein Nordlicht im September. Im August steht die Sonne noch zu hoch dafür — die Finsternis am 12. war die einzige Dunkelheit dieser Reise. © Erwin Vermeulen / Oceanwide Expeditions

Der Nachmittag

Um 16:34:44 Uhr berührte die Mondscheibe zum ersten Mal den Sonnenrand. Eine Stunde später, um 17:35:14 Uhr, war die Sonne vollständig verdeckt.

Das Bordbuch beschreibt, was ein Logbuch selten beschreibt: dass das ganze Schiff dabei war, Passagiere wie Besatzung. Um 17:37:38 Uhr trat die Sonne wieder hervor. Um 18:35:52 Uhr war alles vorbei.

Der Eintrag des Folgetages ist der ehrlichste Satz des ganzen Bordbuchs: „Es war, als wäre gestern überhaupt nichts geschehen. Es war ein unglaubliches und surrealistisches Erlebnis, das wir so schnell nicht vergessen."

Was daran planbar ist — und was nicht

Planbar ist die Position. Der Verlauf des Schattenbandes steht Jahrzehnte im Voraus fest, auf die Sekunde. Ein Veranstalter, der eine Finsternisreise anbietet, plant die Route so, dass das Schiff zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist — und lässt sich dafür Zeitpuffer. Auf dieser Reise war der Vortag bewusst ohne Landgang am Morgen geplant, weil „wir einiges an Strecke zurücklegen mussten, um am nächsten Tag am perfekten Ort für die Sonnenfinsternis zu sein".

Planbar ist außerdem die fachliche Begleitung: ein Astronom an Bord, Vorträge, Filterbrillen, eine Sicherheitsunterweisung.

Nicht planbar ist die Bewölkung. Am 12. August 2026 war der Himmel klar. Das war Glück, nicht Leistung — und ein seriöses Angebot sollte das auch so sagen.

Die Finsternis war ein Nachmittag von vierzehn Tagen

Wer nur wegen der zwei Minuten bucht, unterschätzt, was drumherum liegt. Diese Reise begann in Longyearbyen auf Spitzbergen, führte durch das Packeis der Framstraße nach Nordostgrönland und endete in Akureyri auf Island.

Auf dem Weg dorthin: ein Blauwal direkt vor dem Bug, mitten im Packeis. Mindestens fünfzig Sattelrobben auf den Eisschollen. Ein Finnwal neben dem ersten Eisberg der Reise. Fünf Eisbären — nach Einschätzung einiger Guides ein Rekord für Grönland. Zweimal musste eine geplante Anlandung deshalb abgesagt werden.

Große Eisberge in einem Fjord in Nordostgrönland
Der Scoresby Sund ist berüchtigt für die riesigen Eisberge, die hier auf Grund laufen. Nur rund zehn Prozent davon liegen über Wasser. © Katja Riedel / Oceanwide Expeditions

Dazu Zodiac-Fahrten zwischen gestrandeten Eisbergen, ein Besuch in Ittoqqortoormiit mit seinen rund 350 Einwohnern, und auf dem Weg aus dem Scoresby Sund hinaus mehr als fünfzig Buckelwale, die gemeinsam auf Nahrungssuche waren.

Wann es die nächste gibt

Gute totale Sonnenfinsternisse gibt es nur alle paar Jahre, und der Kernschatten trifft meist Meer oder unbewohntes Gebiet. Die nächste zieht am 2. August 2027 über Nordafrika und das östliche Mittelmeer; die Totalität dauert dort deutlich länger als die 2 Minuten 18 Sekunden von Grönland.

Für die Arktis heißt das: Diese Kombination — Finsternis, Packeis, Nordostgrönland — kommt so bald nicht wieder. Die Route selbst gibt es weiter.

Dieselbe Route ohne Finsternis

Die MV Plancius fährt die Strecke von Longyearbyen über Nordostgrönland in den Scoresby Sund weiterhin: Spitzbergen, Nordostgrönland und Scoresby Sund, vierzehn Tage, mit langen Wanderungen im Programm.

Wer den dunklen Himmel sucht, findet ihn auch ohne Finsternis: Die Abfahrt im September ist auf das Nordlicht ausgelegt — dann sind die Nächte im Scoresby Sund wieder dunkel genug dafür. Eine weitere Variante derselben Küste fährt die MS Ortelius Ende August.

Häufige Fragen zur Sonnenfinsternis im Scoresby Sund

Wie lange dauerte die totale Sonnenfinsternis vom 12. August 2026?

An der Position der MV Plancius im Scoresby Sund, 70°47′ Nord und 27°47′ West, dauerte die Totalität 2 Minuten und 18 Sekunden — von 17:35:14 bis 17:37:38 Uhr. Das gesamte Ereignis von der ersten bis zur letzten Berührung zog sich über 2 Stunden, 1 Minute und 8 Sekunden. Die Verdunkelung betrug 100 Prozent.

Warum beobachtet man eine Sonnenfinsternis vom Schiff aus?

Weil ein Schiff sich bewegen kann. Der Kernschatten des Mondes zieht als schmales Band über die Erde; an Land ist man auf den gebuchten Standort festgelegt. Ein Schiff kann innerhalb des Schattenbandes nach einer Lücke in der Bewölkung fahren. Eine Garantie ist das nicht — aber eine zweite Chance.

Braucht man für eine Sonnenfinsternis eine spezielle Brille?

Ja, und zwar bis zum Beginn der Totalität und ab deren Ende. An Bord wurden Brillen mit Spezialfiltern ausgegeben; der Astronom hielt vorab eine verpflichtende Sicherheitsunterweisung zum Schutz von Augen und Kameras vor der UV-Strahlung. Nur während der Totalität selbst darf man ohne Filter hinsehen.

Wo genau lag das Schiff während der Finsternis?

Vor der Nordseite von Sorte Ø, einer kleinen Insel an der Mündung des Snesund-Kanals in den Rødefjord, tief im Inneren des Scoresby Sunds. Am Vormittag desselben Tages fand dort eine Anlandung mit Wanderungen und einem Polar Plunge statt.

Wann ist die nächste totale Sonnenfinsternis?

Am 2. August 2027 zieht der Kernschatten über Nordafrika und das östliche Mittelmeer; die Totalität dauert dort deutlich länger als in Grönland. Gute totale Sonnenfinsternisse gibt es nur alle paar Jahre, und der Schatten trifft meist Meer oder unbewohntes Gebiet.

Kann man eine Sonnenfinsternisreise garantiert wolkenfrei buchen?

Nein. Kein Veranstalter kann Wetter zusagen. Planbar sind die Position im Schattenband, die Beweglichkeit des Schiffes und die fachliche Begleitung an Bord. Auf dieser Reise herrschte am 12. August klarer Himmel — das war Glück und nicht Leistung.

Was passiert an den übrigen Tagen einer solchen Reise?

Die Finsternis ist ein Nachmittag von vierzehn Tagen. Auf PLA10-26 lagen davor und danach Anlandungen in Nordostgrönland, Zodiac-Fahrten zwischen gestrandeten Eisbergen, fünf Eisbärenbegegnungen, ein Blauwal im Packeis und ein Besuch in Ittoqqortoormiit.

Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise PLA10-26 mit der MV Plancius, 3. bis 16. August 2026. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebene Region — nicht zwingend die geschilderte Abfahrt.

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