Im Mai waren wir in Spitzbergen. Mitte Mai. Dort habe ich Dinge gesehen, von denen ich nicht dachte, dass ich sie erleben werde.
Ich muss Euch jetzt einfach mal was Trauriges erzählen. Auch wenn ich mich immer bemühe, positiv zu bleiben, habe ich nämlich ein ganz, ganz banges Gefühl, was diesen Sommer, dieses Jahr angeht. Aber von vorne.
Im Mai, Mitte Mai, waren wir in Spitzbergen, mit der schönen Meander. Eigentlich wollten wir auf dieser Wochenreise ins Eise fahren, ins Meereis, und dort vielleicht sogar eine ganze Weile bleiben. Das aber ging schon mal nicht, weil das Meereis sich so weit in den Norden zurückgezogen hatte, dass wir es einfach nicht erreichen konnten. Beziehungsweise, es wäre schon gegangen. Aber dann hätten wir kaum noch andere Sachen machen können, außer sehr lange zum Eis fahren und sehr lange wieder zurück. Diese Entscheidung fiel schon mal ganz und gar nicht leicht.
Die Eiskarten sehen nun im Mai aus, wie sie zu der Zeit, als ich auf Spitzbergen zu arbeiten begonnen habe, im Juli ausgesehen haben. Und das ist eigentlich wirklich noch überhaupt gar nicht lange her, so in erdgeschichtlichen Dimensionen ein halber Wimpernschlag vielleicht. Fast alle Fjorde der Westküste sind vollkommen eisfrei. Und die Eiskante weit, weit weg. Ich erschrak in diesem Jahr ja schon im März, wie ich in einer vorhergehenden Kolumne beschrieben hatte. Aber nun wird es immer noch gruseliger.
Denn wir fuhren in den Kongsfjord hinein und bis an sein Ende ganz nach hinten. Der Kongsfjord heißt nicht umsonst so: Königsfjord. Diesen Namen hat sich diese gigantische Landschaft dadurch verdient, dass einst riesige Gletscher von den Hängen in den Fjord mündeten, die man nicht anders als majestätisch nennen kann. Mit seiner Weite und Frische, seinem Licht und Eis ist der Kongsfjord – auch wenn er mit Ny-Alesund einen recht belebten Anlaufpunkt beinhaltet – einer der schönsten Fjorde Spitzbergens für mich, schon immer gewesen.
Nun aber fuhren wir an das Ende des Fjords, dort wo Krone- und Kongsbreen und Kongsvegen in den Fjord fließen. Und zu meinem ganz großen Entsetzen muss man hier nun in Teilen in der Vergangenheit sprechen. Wir fuhren um den Ossian Sarsfjellet herum und auf den Kongsbreen zu, der sich hinter und um diese Felseninsel herum ins Meer schiebt. Ins Meer schob. Denn in der mittlerweile ins Eis geschmolzenen Bucht zwischen dem Ossian Sarsfjellet und der Collethogda hat sich der Kongsbreen so weit zurückgezogen, dass er nahe der Collethogda nun nicht mehr im Meer endet. Sondern an Land. Der Kongsbreen, der Königsgletscher, stirbt.
Ich weiß nicht, wann ich davor zum letzten Mal in dieser Bucht war. Aber immer war sie doch noch eine ganze Strecke voller Eis, die Gletscherkante verlief im Wasser. Als wir auf diese Gletscherkante zufuhren, die da an Land endete, mit den schwarzbraunen Rändern unter dem Eis, die dieses letzte Zurückziehen unabänderlich ankündigen, blieben mir die Worte weg.
Nun ist es so, dass wir unseren Gästen natürlich zeigen wollen, was sich durch den Klimawandel alles verändert. Das ist ja gerade der Sinn dieser Reisen. Es ist aber ja auch so, dass man nicht unentwegt Endzeitstimmung verbreiten kann, wenn die Leute doch Urlaub haben. Außerdem bringt Endzeitstimmung auch nichts. Und so sage ich oft nichts, wenn ich weiß: Das sah aber vor drei Jahren noch ganz anders aus hier. Ich dosiere meine Botschaft, so dass sie ankommt, aber nicht fortwährend deprimiert. Die Leute sollen motiviert werden, sich gegen den Klimawandel zu engagieren, und nicht entmutigt.
Das ist mir an diesem Abend nicht gelungen. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich hier etwas sehe, von dem ich dachte, es würde erst lange nach meinem Tod passieren. Ich musste enorm schlucken, und reden wollte ich dann eigentlich gar nicht mehr. Manchmal kann man dann einfach nichts mehr sagen, ob der Gewalt, die sich einem da bietet.
Damit aber immer noch nicht genug. Am nächsten Tag fuhren wir um die Kurve, auf die andere Seite der Collethogda, wo sich der Kronebreen und der Kongsvegen herunterschieben. Kronebreen und Kongsvegen hatten so lange ich denken kann, eine gemeinsame Gletscherfront, doch das ist nun auch vorbei. Sie haben sich so weit zurückgezogen, dass der Garwoodtoppen, der zwischen ihnen liegende Berg, sie nun in zwei Teile teilt. Das wusste ich aber schon, dass das nun so ist.
Womit wir nicht gerechnet hatten, war, wie diese Schmelze nun sichtbar weitergeht. Mitte Mai war vor noch nicht allzulanger Zeit das Meer noch eisbedeckt und die Gletscher lagen starr da. Nichts tat sich. Nun ist das Meer eisfrei, Meereis-frei, muss man sagen. Stattdessen liegen schon im Mai unzählige kleine und große Eisberge im Wasser, kleine und große Eisplatten, Eisstücke, die vom Gletscher abgekalbt sind. Der Kronebreen war so aktiv, wie man das sonst von einem warmen Augusttag kannte. Die gesamte Bucht lag voller Gletschereis.
Wir fuhren mit unseren beiden Zodiacs auf diese brüchige, nicht mehr ewige Eismauer zu und hörten dem Knistern und Flüstern des dahinschmelzenden Eises zu. Als wir gerade dicht beisammen vor dem Gletscher vor uns hindümpelten, begann es zu rumpeln und krachen. Was dann folgte, war einer der größten Gletscherabbrüche, die ich in meiner gesamten Arktiszeit erlebt habe. Erst fielen kleine Stücke herab, dann aber brach ein solch gewaltiges Teil aus der Mauer, und dann ein noch viel größeres hinterher, dass Andreas, der Guide im anderen Boot, und ich, nur noch Gas geben und uns in Sicherheit bringen konnten. Eine gewaltige Welle rollte auf uns zu, aber wir waren weit genug weg, natürlich.
Alles war gut, aber gar nichts war gut. Einen solchen Abbruch hätte ich im August erwartet, an einem Tag, an dem 24 Stunden die Sonne auf den Gletscher britzelt und es sehr warm ist. An diesem Mitte-Mai-Tag war es nicht einmal sonnig. Es war wohl warm. Aber wahrscheinlich floss schon wieder so viel warmes Wasser an den Gletscher heran, Wasser, dass es in dieser Temperatur vor wenigen Jahren hier nicht gegeben hatte, dass der Gletscher von unten so angegriffen wurde und keine Chance mehr hatte.
Diese Kalbung war ein gewaltiges Spektakel, aber ein trauriges, ein furchterregendes aus einem ganz anderen Grund. Nun haben wir ein El-Nino-Jahr. Es ist Juni und in Deutschland gibt es die ersten Tage über 30 Grad. Schon im März war das Meereis erschrecken weit weg. Was bringt dieser Sommer? Was werden wir am Ende dieses Sommers erlebt haben? Was wird dann für immer verloren sein? Ich wage es mir nicht auszumalen.
Es sei mir verziehen, dass ich nun einmal, ausnahmsweise, nicht positiv sein kann. Denn ein ganz banges, noch viel bangeres und klammeres Gefühl hat sich bei diesem Anblick an mich heran geschlichen. Das was ich spüre, ist jetzt einfach: Angst.
Wir lesen uns trotzdem im Juli!
Polare Grüße,
Eure
Birgit Lutz