Notizen aus dem Eis (145) - St. Kilda, Insel der Vögel und Menschen
Es gibt Namen, die klingen verheißungsvoll, geheimnisvoll und immer ein bisschen unerreichbar. St. Kilda ist so einer. Die zu Schottland gehörenden Inseln liegen 64 Kilometer westlich der Äußeren Hebriden mitten im Atlantik, der nun mal kein stiller Ozean ist. Sind die Äußeren Hebriden schon nicht immer zu erreichen, ist es mit St. Kilda nochmal ein ganzes Stück schwieriger.
Umso magisch anziehender sind die grünen Felsen im Meer: Die vulkanische Inselgruppe wurde 1986 zur ersten von fünf schottischen Welterbestätten ernannt; als einzige in Großbritannien hat sie ihren Status aufgrund der kulturellen und natürlichen Reichtümer gleichermaßen erhalten. Die natürlichen Reichtümer der Inseln sind in der Tat ein Erlebnis: Die Klippen der Hauptinsel Hirta sind die höchsten des Vereinigten Königreichs. An diesen Klippen nisten in den Sommermonaten unzählige Vögel. Die weltweit größte Kolonie von Basstölpeln ist hier zuhause: mit 30.000 Paaren knapp ein Viertel der globalen Gesamtpopulation. Mit 136.000 Paaren nistet auch die größte Papageitaucher-Population Großbritanniens hier. Und einen traurigen Vogelfakt zu St. Kilda gibt es auch: Der letzte Riesenalk der britischen Inseln wurde im Juli 1840 auf einer der Seenadeln, dem Felsen Stac an Armin erlegt.
Kulturgeschichtlich sind die Inseln nicht minder interessant: Mindestens zwei Jahrtausende war St. Kilda permanent bewohnt; bis zu 180 Einwohner lebten hier gleichzeitig. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden es weniger, die Zahl blieb konstant unter 100. Das Interessante an der Lebensweise der Inselbewohner: Obwohl mitten im Meer gelegen, ernährten sich die Menschen nicht von Fisch, sondern hauptsächlich von den so reichlich vorhandenen Seevögeln. Der Grund liegt in der rauen See; die Menschen hatten nur wenige Male im Jahr die Chance, überhaupt von den Inseln wegzukommen. Auch die Vogeljagd war allerdings ein gefährliches Unterfangen an den steilen Klippen; die Vogeljäger mussten hervorragend klettern können. Wenn die See doch einmal ruhiger war, dauerte es mehrere Tage, bis man in Langbooten auf die Hebriden gerudert oder gesegelt war. Isolation war also wirklich das Hauptmerkmal dieses Lebens; so isoliert lebte es sich dort, dass britische Soldaten im 17. Jahrhundert berichteten, dass die Menschen nicht einmal wussten, dass sie einen König hatten, geschweige denn, wie er hieß. Man kann diese Menschen in gewisser Weise auch beneiden.
Aufgrund von Krankheiten und Verwicklungen des Ersten Weltkriegs baten die Inselbewohner 1930 aber darum, umgesiedelt zu werden. Damit endete die bewohnte und bewirtschaftete Zeit der Inseln.

Als diese so spannenden Inseln am Horizont vor uns auftauchen, sind wir wie elektrisiert, und auch die wenigen, deren Gesicht etwas grüner war, begeben sich wieder an Deck. Bald lässt das Schaukeln gänzlich nach, als wir in die Village Bay Hirtas einfahren. Es gelingt uns, an Land zu gehen, auch wenn die Pier, an der unser Boot anlegt, einmal kräftig überspült wird und man gut erkennt, wie ruhig die Bedingungen hier sein müssen, damit ein Landgang klappt.
Nun stehen wir in dem halbrunden Talkessel Hirtas, in dem die alten Steinhäuser immer noch wie eine Kette aneinandergereiht aus dem grünen Gras ragen. Schilder vermelden, welche Familien hier einst gewohnt haben. Auch die Torfhäuser stehen noch, in denen die Menschen ihre Vorräte lagerten, einige werden von Freiwilligen behutsam instandgesetzt.

Was den Eindruck dieser verlassenen Inseln leider gewaltig stört, ist der Neubau einer Militärstation, die mitten vor das Weltkulturerbe gebaut wurde, ein mehrflügeliger Bau, der nun als Erstes weit sichtbar ist und das Gesamtbild deutlich trübt. Nicht besser wird das Ganze durch die Satelliten- und Abhöranlagen, die sich auf dem Kamm zeigen. Wie schade: ein solch außergewöhnlicher Ort, an dem man aber nun doch wieder erinnert wird, dass man nirgends mehr isoliert sein kann, weil selbst oder gerade an entferntesten Orten Sicherheitseinrichtungen notwendig sind, die einen beständig daran erinnern, dass die Welt ist, wie sie ist. Man wäre gut ohne das ausgekommen.
Wir brechen zu verschiedenen Wanderungen auf, zu den Klippen, durch die Gebäude. Wir lassen diese Insel auf uns wirken, die einen ganz eigenen Charakter hat. Vögel sind noch etwas rar, im April sind noch nicht viele wieder zurück, aber dennoch sehen wir schon viele Basstölpel kreisen und können uns vorstellen, wie es einige Wochen später sein muss. Wir setzen uns in die Wiesen oberhalb der Siedlung und stellen uns vor, wie das Leben hier gewesen sein muss. Erst ein Regenschauer spült uns spät nachmittags zurück an Bord, wo wir den Abend Gitarre spielend und singend in dieser besonderen Bucht verbringen. Ausgelassen ist die Stimmung, nachdem uns das alles gelungen ist.
Am nächsten Morgen geht es zurück; wir fahren vorbei an den nordwestlich liegenden Seastacs, den Felsen, die hier neben der Insel Boreray noch aus dem Atlantik ragen. Weit draußen liegt der Stac Levenish, den wir nicht besuchen. Wir passieren erst den 172 Meter hohen Stac Lee, dann den 196 Meter hohen Stac an Armin: die höchsten Seenadeln Großbritanniens! Schon gleich springen Delfine um unser Schiff, und über uns kreisen etliche Basstölpel. Hier sind wir wirklich in einem Naturparadies. Langsam verlassen wir die Inselgruppe wieder und kehren zurück zu den Äußeren Hebriden. Ein besonderer Ausflug zu einer besonderen Inselwelt ist zu Ende.
Wir lesen uns im Juni!
Diesmal weniger polare als schottische Grüße,
Eure
Birgit Lutz