Notizen aus dem Eis 143 | Eisbären gehen neue Wege


Polarkolumne von Birgit Lutz

Birgit Lutz, eine preisgekrönte Autorin und ehemalige SZ-Journalistin, ist Expeditionsleiterin und gefragte Rednerin.
Ihre Polarkolumne erscheint einmal pro Monat auf unserer Homepage.



Der Eisbär ist das Symbol des Klimawandels. Aber vielleicht kann er an manchen Orten den Wandel austricksen.

Der Ursus maritimus, wie der Meeresbär eigentlich richtig heißt, lebt auf dem Meereis, das ihm unter den Tatzen wegschmilzt. Deswegen wird der Eisbär immer dann herangezogen, wenn es um eben dieses schrumpfende Meereis und den Klimawandel im Allgemeinen geht. Nun ist in der Natur und im Leben aber ja nichts einfach nur einfach, und so ist das beim Eisbären auch. Denn die Bären leben in 25 verschiedenen Populationen mit teils sehr unterschiedlichen Lebensräumen, mit viel Landkontakt und weniger, mit stärker und weniger stark steigenden Temperaturen.

Die Eisbären in Spitzbergen nun leben auf und um diese Inselgruppe, aber nicht nur: Es gibt keine Spitzbergenpopulation, sondern nur eine Barentssee-Population, das heißt, diese Tiere wandern auf einem enormen Gebiet umher, der auch das russische Franz Joseph Land einschließt. Tiere mögen ja viele Nachteile erleiden müssen in unserer anthropogen dominierten Welt, aber Visum-Probleme haben sie keine. Sie wandern also munter zwischen Russland, dem internationalen Gewässer und dem Spitzbergen-Gewässer hin und her.

Das macht sie sehr schwer zu zählen, weil, ja weil die Menschen da zusammenarbeiten müssten, was die Menschen gern tun würden, die Staaten aber nicht. Und so weiß man eigentlich nie so genau, wie es denn nun gerade eigentlich aussieht, mit den Bären der Barentssee, und wie viele es denn nun wenigstens ungefähr sind. Ob sie leiden oder nicht, weniger werden oder nicht.

Was in den vergangenen Jahren beobachtet wird, von Wissenschaftlern und von den Expeditionsschiffen, die in Spitzbergen unterwegs sind: Wenn Eisbären keine Robben mehr jagen können – weil das Eis weg ist –, dann jagen sie eben was anderes. Staubsaugerähnlich radieren sie die Vogelpopulationen ganzer kleiner Inselchen aus, indem sie zur Brutzeit sämtliche Eier fressen, im Kongsfjord beispielsweise, auf den Inseln vor Ny-Alesund.

Sie entwickeln erstaunliche Anschleich- und Lossprintfähigkeiten beim Jagen von Rentieren, was sie bisher wohl immer von vornherein sein gelassen haben, zu schnell sind die Rentiere, zu warm angezogen der Bär. Nun aber sieht man immer wieder, wie Eisbären versuchen, Rentiere zu jagen. Auch bei Walrosskolonien haben wir Eisbären beobachtet, die die Tiere angriffen. Die Frage ist bei solchen Beobachtungen jedoch immer auch: Machen die Bären das jetzt öfter, oder sehen wir es nur öfter, weil immer mehr Menschen in diesen Regionen unterwegs sind? Und das weiß man dann nicht.

Die Frage ist also, leiden die Bären unter dem wenigeren Eis, oder nicht? Der renommierte norwegische Eisbärenforscher Jon Aars hat vor Kurzem eine Langzeitstudie in der Nature veröffentlicht, die sich mit dem Zustand der Spitzbergener Bären beschäftigt. Von 1992 bis 2019 haben die Forschenden insgesamt 770 Tiere untersucht, viele Parameter erfasst, Körpergröße und Brustumfang gemessen und daraus einen Body Condition Index errechnet. Dabei kam etwas ganz Überraschendes heraus: Bis zum Jahr 2000 hat sich der Zustand der Bären verschlechtert. Dann hat er sich aber wieder verbessert.

Das ist insofern erstaunlich, als die Eisbedeckung in dieser Zeit um drei Monate (!) abgenommen hat. Die Bären haben also drei Monate weniger Zeit im Jahr, sich auf ihre herkömmliche Weise, nämlich die Jagd auf Ringelrobben, ihr Fettpolster anzufressen. Besonders für Weibchen, die monatelang in der Bruthöhle verbringen und ihre Jungen säugen, kann das verheerend sein.

Ist es offensichtlich aber nicht. Was bedeutet das nun? Vielleicht sind Eisbären anpassungsfähiger, als man dachte, und fressen nun vermehrt Rentiere und Walrosse. Vor allem Walrosse gibt es seit dem Ende der Jagd ja wieder mehr in Spitzbergen. Trotzdem dürfte die Walrossjagd deutlich anstrengender und auch gefährlicher sein, bis sie zum Ziel führt. Und es braucht schon eine Menge Vogeleier, um Robben komplett zu ersetzen. Die Vögel wiederum werden sich auch anpassen und sich andere, sicherere Nistplätze suchen, wenn sie wiederholt keinen Nachwuchs großziehen können.

Wenn das Eis noch mehr abnimmt, ist kaum vorstellbar, dass es sich nicht auswirkt. Bislang aber kann man – zumindest in Spitzbergen – noch ein bisschen aufatmen. Ob sich die Population vielleicht sogar vergrößert hat, was diese Zahlen nahelegen würden, das weiß man leider auch nicht. Dafür müssten die Menschen und Staaten genauso mühelos Grenzen überwinden, wie das alle Tiere tun. Vor allem der Eisbär.

Wir lesen uns im April!

Polare Grüße,
Eure
Birgit Lutz





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